Maigret wird von einem pensionierten Kollegen in die Dordogne eingeladen und steigt kurzentschlossen in den Zug. Im Schlafwagenabteil hält ihn ein unruhiger Passagier wach. Mitten in der Nacht beobachtet Maigret wie dieser sein Bett verlässt und aus dem gerade langsam fahrenden Zug springt. Ohne nachzudenken springt Maigret hinterher. Er übersteht den Sturz unverletzt, wird aber gleich darauf von dem Passagier beschossen und in die Schulter getroffen. Maigret schleppt sich stark blutend und nur halb bei Bewusstsein zu einem Bauern, der ihn in das Krankenhaus von Bergerac bringt. Dort hält man ihn zunächst für einen verrückten Serienmörder. In der Stadt wurden nämlich in den letzten Wochen drei Frauen überfallen und zwei davon getötet.Kaum geht es ihm etwas besser, zieht Maigret in ein Hotel am Marktplatz um und bittet seine Frau zu kommen und sich um ihn zu kümmern. Er lässt sich über die Überfälle ins Bild setzten und bestellt Bücher über Geisteskrankheiten, ein Telefonbuch und einen Stadtplan. „Er hatte Zeit. Er konnte viele Tage damit totschlagen, sich von seinem Bett aus ein möglichst lebendiges Bergerac vorzustellen, wo jeder seinen Platz einnahm.“ Ganz auf seine Vorstellungskraft verlässt sich Maigret jedoch nicht: Immer wieder schickt er seine Frau zu Erkundungen aus.Die Situation ist eine besondere: Maigret ermittelt vom Bett aus. Das bedeutet jedoch, dass er nicht wie sonst in ein Milieu eintauchen kann. Dieses Eintauchen macht für mich einen wichtigen Reiz der Romane aus. In Bergerac geben sich zwar Maigrets Besucher die Klinke in die Hand, und er bekommt viele Gelegenheiten, Gespräche zu führen. Die Stadt sieht er jedoch nur vor seinem inneren Auge und durch die von Madame Maigret.Dadurch, dass Maigret die ganze Zeit im Bett verbringt, ist der Roman auch noch ruhiger als man es von der Reihe ohnehin schon gewöhnt ist. Überraschend dramatisch wird es allerdings am Ende.Besonders ist auch, dass Maigret in Bergerac zunächst für einen Mörder gehalten und nicht als Polizist erkannt wird – recht erfrischend und weit von den späteren Star-Allüren entfernt. Aber der Kommissar steht hier ja auch noch am Beginn seiner Laufbahn: Der erste Maigret-Roman ist 1931 entstanden und der vorliegende nur ein Jahr später. Algerien, das darin eine Rolle spielt, war damals noch französische Kolonie.Die dritte Besonderheit ist, dass Herr und Frau Maigret fast die ganze Zeit zusammen sind. Man bekommt schon den Eindruck, dass die beiden sich gut verstehen. Das hindert Maigret aber nicht daran, seiner Frau einen kleineren oder größeren Auftrag nach dem anderen zu geben, häufig im Befehlston und immer ohne Dankeschön. Etwa: "Und stopf mir eine Pfeife!" Einmal antwortet sie ihm mit den Worten: "Mein armer Maigret!" Darauf heißt es: "Denn unter bestimmten Umständen nannte sie ihn Maigret. Wenn sie ihm zugestand, dass er der Mann, der Herr, die Kraft und die Intelligenz in ihrer Ehe war." Dass Simenon Madame Maigret hier so klein macht, habe ich als unangenehm empfunden. Aber man muss wohl in Rechnung stellen, dass 1932 eine andere Zeit war. Und dass Simenon das Verhältnis der beiden in späteren Romanen anders dargestellt hat. Überdies wird Maigret kurz nach der zitierten Stelle vom hohen Ross heruntergeholt: „Aber hatte er nicht auf ihre Antwort gewartet wie ein Kind, das eine Ermutigung braucht? Nun, jetzt hatte er sie bekommen. … Schluss mit den dummen Rührseligkeiten, den kleinen Wutanfällen, dem kindischen Benehmen!“Simenon scheint in seinen frühen Maigret-Romanen eine Vorliebe für Ausrufezeichen gehabt zu haben. Mir ist noch nie ein anderer Autor untergekommen, der es schafft, so viele in seinen Sätzen unterzubringen.Gefallen hat mir, dass die Kapitel nicht wie meistens bei Simenon nummeriert sind, sondern richtige Überschriften haben. Eines heißt „Der Seehund“. Darin träumt Maigret, ein Seehund zu sein, und bewegungsunfähig im heißen Sand zu liegen. Ein gutes Bild für seine Situation.„Der Verrückte von Bergerac“ ist mein erster Mairet-Roman aus dem Kampa Verlag. (Bisher kannte ich nur die Ausgaben von Diogenes.) Der matte Umschlag und die festen Seiten fassen sich gut an. Vorne im Buch gibt es eine Paris-, hinten eine Frankreich-Karte und ganz hinten den hilfreichen Hinweis „Maigrets 16. Fall spielt in der Dordogne“. Erfreulich finde ich, dass Kampa die Maigret-Romane, die nicht in Paris spielen, von den Titelbildern her dem Rest der Reihe anpasst. Das für diesen Band ausgewählte Bild – Hinterhof mit Gemüsebeet – finde ich allerdings etwas langweilig. Aber irgendwie passt es auch.