Ich muss zugeben: Noch in der Mitte des Buches habe ich überlegt, ob ich drei Sterne geben soll oder vier.Natürlich ist es unfair, wenn man "Zur See" schon vor dem Aufschlagen der ersten Seite mit "Mittagsstunde" vergleicht. Falsche Erwartungen.Neues Buch, neue Geschichte.Wobei: Welche Geschichte? Dörte Hansen macht es uns Lesern nicht leicht. Da sind diese Figuren, mit denen ich lange nicht warm geworden bin, und so etwas wie eine Geschichte existiert nur ansatzweise. Zwar gibt es eine Chronologie, doch darin tauchen die Figuren lediglich als Versatzstücke auf, immer mal wieder.Erst nach und nach dämmerte mir: Dörte Hansen erzählt keine Geschichte, weil es diese für ihre Figuren auch nicht mehr gibt.Der gemeinsame Lebenskampf der Insulaner ist aus und vorbei, also auch: Geschichte; die Traditionen ausgehöhlt und nur noch Folklore für die Touristen.Einige Familien kommen prächtig klar damit, die harte, schmutzige, sogar gefährliche Arbeit gegen den gewinnbringenden Fremdenverkehr auszutauschen, das dreckige Ölzeug gegen das blauweiß gestreifte Fischerhemd.Doch wie man es auch dreht und wendet: Die einstige Gemeinschaft ist zu Individuen zerfallen, von denen einige, entwurzelt und ihrer Geschichte beraubt, sehr einsam sind. So wie die Familie Sander, die nicht einmal mehr als Familie funktioniert.Und funktionieren, ja, darum geht es doch, solange man keinen Plan B hat ... wenn man den Weg vor sich nicht sehen kann, weil er hinter einem gekappt wurde. Tatsächlich suchen alle fünf Familienmitglieder nur noch nach einem Weg, um zu funktionieren. Um zu überleben. Einzeln, da sie sehr unterschiedliche Strategien gewählt haben. Aber wofür? Nur noch für die Touristen?Das alte Leben ist vorbei, man hat noch kein neues gefunden - und selbst das wollen einem die vielen Fremden auch noch wegnehmen. Angst lässt sie verstummen, Hanne und Jens, Ryckmer, Eske und Henrik.Sie haben niemals einen Weg gefunden, über die veränderte Situation zu sprechen. Daher kennen sie einander so wenig, dass sie nicht einmal auf die Idee kommen, der tragische Unfall am Ende des Buches könnte eventuell gar kein Unfall gewesen sein.Während ich festgestellt habe, dass ich den Figuren doch näher war, als ich glaubte.Ich vermute, die meisten von uns kennen zumindest eine Nordseeinsel und erkennen sie wieder. Jede einzelne Ecke. Die meisten fühlen sich hier wohl - bis der Blick des Touristen dem von Hanne weicht, oder Ryckmer, oder Eske ... und dann beginnt das Unbehagen. Fast ein bisschen Scham. Und sollte mich auf einer Nordseeinsel jemals eine Einheimische von der Straße drängen, weiß ich in Zukunft, warum.Über Dörte Hansens Sprache, über ihre Bilder und trockenen Erkenntnisse wurde vermutlich schon alles geschrieben, daher nur so viel: Ich möchte ihr nächstes Buch lesen. Jetzt, sofort.
Ich kenne nur dieses Buch von Dörte Hansen, habe es gekauft weil es um die Nordsee geht, ich finde es wundervoll geschrieben, habe es ganz langsam gelesen, damit dieses Gefühl lange anhält - ich bin immer noch gefangen, danke.