Peter Schäfer ist als Judaist international renommiert. Zu Recht. Er schreibt sachlich, unaufgeregt, bringt die Fakten zielsicher auf den Punkt und doch hat seine kurze Geschichte des Antisemitismus eine persönliche Farbe. Deshalb ist das Lesen seines überaus empfehlenswerten Buches eine schmerzhaft eindrucksvolle Erfahrung. Denn auch diejenigen, die sich bewusst sind, dass der Antisemitismus tiefe Wurzeln hat und weit in die Geschichte zurückreicht, werden diesem Buch viele neue Informationen entnehmen. In acht Kapiteln und einem Ausblick wird detailreich dargelegt, wie jüdische Identität sich bildete und welche schreckenerregenden Facetten die Verfolgung jener Menschen im Laufe der Geschichte aufwies, die nicht nur einen Glauben gemeinsam haben, sondern sich auch als ein Volk verstehen.Das erste Kapitel thematisiert die Diffamierung der Juden als Menschen- und Fremdenfeinde in der griechisch römischen Antike. Zu Recht. Denn das erste Pogrom der Geschichte fand nicht im Mittelalter, sondern im antiken Alexandria statt. Und auch in Rom, jener aufgeklärten Weltstatt, in der Menschen aller Sprachen und Nationen mitsamt ihren vielen Göttern zuhause waren, schlug den Juden eine Mischung aus Hass und widerwilliger Bewunderung entgegen.Der Blick auf das Neue Testament steht im zweiten Kapitel im Vordergrund. Hier gilt es zwischen den zunächst innerjüdischen Auseinandersetzungen und der späteren Abgrenzung von Juden- und Heidenchristen zu unterscheiden. In der christlichen Spätantike, deren Darstellung das dritte Kapitel gewidmet ist, geht es hingegen um die christliche Relecture der hebräischen Bibel, die Folgen der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, den Dialog des Philosophen Justin mit dem Juden Trypho, die jüdische Polemik gegen das Christentum und die Spuren judenfeindlicher Äußerungen bei den Kirchenvätern.Die je unterschiedliche Rolle der Juden im Islam und im christlichen Mittelalter sind eigene Kapitel gewidmet, ebenso der schwierigen Balance der Reformatoren zwischen Hebraismus und Antisemitismus.Besonders instruktiv für das Verstehen des massiven Antisemitismus in der Zeit des Nationalsozialismus ist das Kapitel sieben, das den gesellschaftlich akzeptierten Antisemitismus im Zeitalter der Aufklärung, der Emanzipation und des Nationalismus offenlegt. Dieses Kapitel sollte zur Pflichtlektüre für Geschichtslehrer werden, denn die Vermittlung des scheinbar Unbegreiflichen Judenhasses im sogenannten Dritten Reich würde manch einem leichter fallen, wenn er wüsste, wo dessen Wurzeln liegen.Der Ausblick bietet eine konzise Erklärung des grundlegenden Unterschieds zwischen Judentum und Christentum und wegweisende Unterscheidungen in der derzeit nebelhaft und gerade deshalb für neuen Antisemitismus gefährlichen politischen Debatte.Schäfers Buch ist in jeder Hinsicht lesenswert. Und es ist zu wünschen, dass möglichst viele politisch und historisch Interessiertes es zur Hand nehmen, um den bereits viel zu weit gediehenen Anfängen dessen zu wären, was schon viel zu lange den Alltag von Juden prägt.