Kurz und knapp:• Umfassende Darstellung der Epoche 282-316 n. Chr. und ihrer Probleme• Knapper, pointierter Demandt-Stil, meist ohne persönliche Wertungen• Kein Buch zum Einstieg, aber sehr gut für Kenner zur VertiefungDer Aufgabe, die komplexe Zeit der Tetrarchie (Viererherrschaft) samt ihrer Vorgeschichte im 3. Jh. in einem Buch darzustellen, haben sich schon früher Autoren gestellt, wobei hier besonders das umfassende, leider seit Jahren vergriffene Werk von Kuhoff (2001) hervorzuheben ist. Von daher bestand Aktualisierungsbedarf und Demandt ist im deutschsprachigen Raum sicher der Berufenste, eine Darstellung Kaiser Diokletians vorzulegen, die diesem - leider oft negativ und im Schatten Konstantins gesehenem - Herrscher und seinem Reformwerk gerecht wird. Das Buch gliedert sich in folgende, (weiter unterteilte) Kapitel:• Die Quellen unseres Wissens• Die Anarchie unter den Soldatenkaisern• Die Erhebung Diokletians 284/5• Das Experiment der Tetrarchie• Kämpfe im Osten• Die Sicherung des Westens• Die Reichsreform• Geld und Wirtschaft• Die Christenverfolgung• Das neue Heer• Die Bauten der Tetrarchen• Abdankung, Tod und Nachfolge• Diokletian nach DiokletianDass bei der Vielzahl der behandelten Aspekte die Formulierungen knapp sein müssen entspricht Demandts pointiertem Stil. So schreibt er über die Curia, den unter Diokletian auf dem Forum neu errichteten und heute noch stehenden Bau für den Senat: “Er gewann die prächtigste Gestalt, die er jemals hatte, damals, als der Senat am wenigsten zu sagen hatte. Das erinnert an Parkinsons Gesetz.“Leider ist es in der Fülle der berichteten Details (wie z.B. den Reise- und Ortsdaten des Kaisers, S. 80) schwierig bis unmöglich, hinter dem Amt den Menschen zu erkennen – einen aus dem Sklavenstand bis zur höchsten Macht aufgestiegenen, von Pflichtbewusstsein und Arbeitseifer erfüllten Mann, auf den z.B. ca. 1250 Rechtsentscheidungen zurückgehen. Zum Vergleich: Für alle anderen Kaiser sind es zusammen 1400 (S. 147). Dabei nahm er sich selbst für Fälle Zeit, in denen sich z.B. Sklaven mit Petitionen an den Kaiser gewandt hatten – eine Möglichkeit, die Konstantin abschaffte (S. 151). Dazu führte Diokletian eine Reihe von noch heute gültigen Rechtsgrundsätzen ein und weigerte sich zugleich, Forderungen aufgehetzter Massen nach dem Tod ad bestias eines Ratsherrensohnes nachzugeben, denn „dem leeren Geschrei des Pöbels sei kein Gehör zu schenken.“ (S. 151).Diese Detailversessenheit spiegelt sich auch im ersten seiner drei großen, gescheiterten Projekte wider: Dem Höchstpreisedikt (S. 167 ff.), das eine vierstellige Zahl von Dienstleistungen und Waren erfasste, darunter z.B. Stoffe aus Hasenhaar und 25 Arten von Schuhen!Zu den interessanten Details gehört für mich z.B. auch, dass alle Elefanten und Löwen im Reich dem Kaiser gehörten, dass Diokletian der letzte Kaiser war, der in Ägypten bildlich dargestellt wurde, dass die Jahreszählung der christlichen Kopten noch heute mit seinem Regierungsantritt 284 beginnt, und dass er (im Gegensatz zu Konstantin, der auch seine halbe Familie ausrottete) ein skandalfreies Familienleben führte und selbst bei den Christenverfolgungen kein Blut vergossen sehen wollte (S. 191).Auch mit dieser einzigen groß angelegte Verfolgung ist der Kaiser gescheitert – wobei die ausführenden Beamten es meist gut sein ließen, wenn die Beschuldigten ein formelles Opfer vollzogen. Auf jeden Fall sind die christlicherseits überlieferten Horrorzahlen von Hunderttausenden Opfern maßlos übertrieben, Demandt schätzt sie auf insgesamt allenfalls im dreistelligen Bereich.Der dritte Fehlschlag des Kaisers war sein Versuch, zukünftig in Anlehnung an die Verhältnisse im „goldenen“ 2. Jh. die Thronnachfolge durch Adoption zu bestimmen – das System entgleiste bereits kurz nach seiner Abdankung dank Konstantins Machtstreben, hatte dem Reich aber immerhin zwei Jahrzehnte Stabilität beschert. Wegweisend war auch seine Einrichtung einer permanenten Reichshauptstadt im Osten (Nikomedia/Izmit, Türkei); die Idee nahm Konstantin dann mit seiner Nea Roma Gründung im nahen Byzantion/Istanbul auf.Eine bei Kaisern sonst unübliche innere Größe bewies Diokletian durch den Vollzug seiner geplanten Abdankung nach 2 Jahrzehnten und den Rückzug in seinen Palast in Split bei Salona/Kroatien, den man noch heute bewundern kann. Als ihn 308 von dort eine Delegation zu einer Kaiserkonferenz nach Carnuntum holte, um dem machtpolitischen Durcheinander ein Ende zu bereiten, schlug er die Bitte, wieder die Herrschaft zu übernehmen, mit den Worten ab: „Kommt nur nach Salona und bestaunt den Kohl, den ich dort eigenhändig pflanze, dann werdet ihr mich mit einem solchen Ansinnen verschonen.“ (S. 268).Ergänzt wird Demandt Buch durch einen Mittelteil mit Farbabbildungen, ein 11-seitiges Literaturverzeichnis, zwei Karten, eine Zeittabelle sowie eine Übersicht der komplexen Beziehungen der Tetrarchieherrscher.Nicht zufrieden bin ich allerdings mit Demandts Zitierweise: Zu oft wird bei einem Zitat dann auf ein anderes verwiesen, so dass man herumblättern muss und der Autor offenbar manchmal selbst den Überblick verliert: So wird bei Zitat V-123 (S.85), das zur Schapur-Siegesinschrift nach 260 n. Chr. gehört, wiederum auf Zitat II-2 verwiesen, welches sich jedoch auf Autoren des 2. Jh. bezieht!Leider wird auch bei den (leider seltenen) zitierten Aussagen manchmal nicht durch Anführungszeichen kenntlich gemacht, ob es sich hier um den Originaltext aus der Zeit oder Umformulierungen des Autors handelt (z.B. S. 30, Eumenius). Der Aufmerksamkeit von Autor und Lektorat dürfte es entgangen sein, dass der Machtantritt der persischen Sassaniden nicht 224 vor, sondern nach Chr. erfolgte (S. 76).Da aber alle die zuletzt genannten Kritikpunkte eher speziell und für die normalen Leser ohne Relevanz sein dürften, kann ich das Buch ansonsten uneingeschränkt empfehlen – keine leichte, aber eine erhellende Lektüre. So manche Vorurteile über diesen großen Herrscher (der dank christlicher Propagandisten wie Euseb und Laktanz eine schlechten Ruf hat), dürften sich im Schein der historischen Fakten in Nichts auflösen.Als abschließendes Fazit der Anstrengungen von Diokletian und seinen Mitkaisern, das Reich zu stabilisieren, formuliert Demandt die allgemeingültige Erkenntnis: „Der erfolglose Versuch eines Staatsmannes, einen Mißstand oder ein Ärgernis zu beseitigen, beweist jedenfalls keine Allmachtsträume. Wer ungeeignete Maßnahmen tadelt, sollte geeignetere benennen.“PS: Wer sich für eine faktengetreue Schilderung der Diokletianszeit in Romanform interessiert, dem empfehle ich das Buch "Der Preis des Purpurs" - leider vergriffen, aber noch bei amazon Marketplace erhältlich!