Heinrich Böll ist ein bisschen out, und dieser Roman scheinbar erst recht, der zahlreiche Neuauflagen erfahren hat, aber die letzte datiert aus dem Jahre 1997. Das ist schade, denn Billard um halb zehn" zeigt Heinrich Böll auf der Höhe seiner Kunst. Von der polyphonen Anlage her erinnert er an die großen Romane von William Faulkner, stilistisch ist er von einer Brillanz, einer Farbigkeit, Dichte und Sensualität, wie ich sie in den späten Roman dieses Autors nur selten wiedergefunden habe.
Dieses Buch ist, so heißt es auf dem Umschlag, "die Geschichte dreier Generationen einer rheinischen Architektenfamilie". Aber es ist mehr als das. Es ist ein früher Versuch der Bewältigung der deutschen Vergangenheit, zu einem Zeitpunkt, als das noch nicht opportun war. Es erschien noch ein Jahr vor "Der Blechtrommel" von Günther Grass, an das es in mancher Hinsicht erinnert.Die Geschichte ist nicht chronologisch erzählt. Sie spielt an einem einzigen Tag, den 6. September 1958, dem 80. Geburtstag des Architekten Heinrich Fähmel. Er kam 1907 vom Lande in die Stadt, die nicht näher benannt wird, aber unverkennbare Merkmale von Bölls Geburtsstadt Köln trägt. Damals gewann er einen Wettbewerb gegen namhafte Konkurrenz und erhielt seinen ersten großen Bauauftrag. Er sollte die Abtei St. Anton im nahe gelegenen Kissatal bauen. Mit seinem Entwurf habe er "rücksichtslos ... romanische Kathedralen nachgebildet" (S. 113).Was er sich vor langer Zeit für seinen 80. Geburtstag erträumt hat, tritt nicht ein. Die Feier findet nicht mit 7x7 Enkeln, sondern "nur" mit 2x1 Enkel statt. Aber der "Ruf des Blutes" (die Abstammung) ist ihm nach den Erfahrungen seines Lebens nicht mehr wichtig.Auch der Sohn, Dr. Robert Fähmel, Jahrgang 1915, ist Architekt geworden, aber er bekennt auf Seite 76: "Du weißt, dass ich Architekt bin und eigentlich Häuser bauen sollte, aber ich hab nie welche gebaut, immer nur welche gesprengt". Drei Tage vor Kriegsschluss 1945 hat er die ganze Abtei St. Anton gesprengt. Sein Vater, dem er davon nichts sagen will, hat es schon geahnt - und hat nicht wirklich was dagegen. Roberts Sohn Joseph wiederum wird 1956 mit dem Wiederaufbau der Abtei beauftragt.Warum hat der Vater nichts gegen Roberts Tat? Weil er erfahren musste, dass sich der Abt der Abtei mit dem "Sakrament des Büffels" gemein gemacht hat. Diese Bezeichnung ist einerseits ein Synonym für den Nationalsozialismus und verweist andererseits auf christliches Vokabular. Heinrich Böll war, wie in diesem Buch nicht zu überlesen ist, überzeugter Katholik und steht auf Seiten der Lämmer, nicht des Büffels. Die Lämmer wurden in dieser Zeit reihenweise verfolgt, ermordet oder sind anderweitig ums Leben gekommen ("eine falsche Handbewegung genügte"). In Roberts Klasse gab es 1935 solche Lämmer, die vom Sportlehrer Ben Wacker und dem Mitschüler Nettlinger tyrannisiert wurden. Die beiden spielten Hilfspolizei auf der Jagd nach Bettlern. Die Bezeichnungen erweisen sich beim Lesen aber auch als so etwas wie ein klandestiner Code, denn die Jugendlichen planten heimlich einen Anschlag auf Ben Wackers. Man erfährt, was daraufhin mit ihnen geschah und dass sich Robert mit Müh und Not und fremder Unterstützung nach Holland retten konnte.Strella, der 1958 zurück kommt, kann sich nicht mehr vorstellen, in der Stadt zu leben. Von seinen Freunden leben nicht mehr viele -- und wer weiß, wie die Heutigen sich verhalten würden. Nach seiner Beobachtung sind 1958 "die Menschen ... anständig, anständig und keine Spur von Trauer im Gesicht" (S.293).Die Geburtstagsfeier nimmt einen unvorhergesehenen Verlauf. Ein alter Kämpfer, jetzt Minister, wird angeschossen. Von wem und warum, möchte ich hier nicht verraten. Auch nicht, was es mit Billard um halb zehn auf sich hat.Wie liest sich das Buch? Es beginnt zwar realistisch, aber dann wird die Lektüre schwieriger, weil die Erzählperspektiven wechseln und Böll individuellen Gedankenströmen Raum gibt. Die Zeitebenen gehen mit voller Absicht durcheinander und es gibt Überschneidungen der Personen (z.B. von Großmutter und Enkelin). Dazu kommt, dass die Akteure nicht alles gleich von sich preisgeben. Robert "schweigt", auch der Alte zieht zunächst Schweigen vor, statt den Enkeln zu erklären. Das ist wie im richtigen Leben. Manche Sachen sind veraltet, so der üppige und heute gänzlich ungewohnte Gebrauch des Semikolons oder das Rauchen von 4-Mark-Zigarren als Statussymbol.Ich kann nur empfehlen, das Buch selbst zu lesen. Die Lektüre ist nicht immer einfach, aber man wird von den Ereignissen auch heute noch ergriffen und möchte das Buch erst weglegen, wenn man durch ist. Ich bewerte es mit 4 Sternen.
Dieser Klassiker ist mir seit Jahren gut bekannt und sollte nochmals wiederholt gelesen werden. Jeden, der an der deutschen Geschichte interessiert ist, sollt dieses Buch, das zum Literatur- Nobel-Preis geführt hat, lesen.Mit freundlichen GrüßenBarbara Taglang