In den letzten Kriegsjahren, 1944/45, führte der Einmarsch der Roten Armee in den ehemaligen ostpreußischen Gebieten zu massenhaften Fluchtbewegungen. Die ehemaligen Bewohner eben jenes Bodens begaben sich entweder freiwillig auf den Weg in den Westen von Deutschland, andere wurden brutal aus ihrer Heimat vertrieben. Das Schicksal eben jener Familien wurde in verschiedenen Romanen der unmittelbaren aber auch weiter in die Gegenwart reichenden Nachkriegsliteratur behandelt: da sind die Werke von Hans-Ulrich Treichel zu nennen, der unter anderem auch selbst betroffen war, aber auch der Erfolgsroman Altes Land von Dörte Hansen.Siegfried Lenz hat sich der Thematik der Vertreibung ebenfalls mehrere Male angenommen: sein Geburtsort, das ostpreußische Lyck, wo er 1926 geboren wurde, war nach dem Krieg nicht mehr dasselbe wie davor. Wenn auch nicht direkt von Flucht und Fliehen, so doch von dem fast als unmöglich zu bezeichnenden Versuch, das Vergangene zu beschreiben, ist sein literarisches Werk geprägt. Sein Erfolgsroman Deutschstunde schildert die Zustände vor und nach dem Krieg, in seinem monumentalen Werk Heimatmuseum unternimmt er den Versuch, die Erinnerungen, die er an seinen Geburtsort und seine Heimat hat, durch Sprache zu archivieren. Sieben Jahre nach Heimatmuseum, im Jahr 1985, erschien erstmals sein Roman Exerzierplatz. Die Erinnerung an das, was früher war, spielt hier nur noch eine kleinere Rolle. Die Vertreibungssituation ist quasi die Ausgangslage für den Roman, der oft als Parabel auf die Nachkriegszeit und die Entwicklungen der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren gelesen wird.Der titelgebende Exerzierplatz liegt in dem kleinen Dörfchen Hollenhusen in Schleswig-Holstein. Die Baracken dieses Exerzierplatzes, auf dem noch vor wenigen Monaten Soldaten für die Front ausgebildet wurden, stehen seit Kriegsende leer. Familie Zeller, Heimatvertriebene aus Ostpreußen, wird dort einquartiert. Mit ihnen zieht der elternlose Ich-Erzähler Bruno Messmer, der mit der Familie Zeller geflohen ist und dem Familienvater Konrad Zeller sein Leben verdankt, in die kargen und tristen Baracken ein. Nicht lange soll die Dürre und die Dunkelheit der Vergangenheit auf den Dächern dieser Quartiere lasten. Konrad Zeller wird mit seiner Frau Dorothea und seinen Kindern Max und Ina auf diesem Territorium eine Art Gärtnerei gründen und sowohl den Exerzierplatz als auch Hollenhusen nach den düsteren Kriegsjahren wieder zum Blühen bringen. Es ist die Parallele zum unerwarteten Wirtschaftsaufschwung der christlich-liberalen Koalition in der Adenauer-Ära, auf die Siegfried Lenz unverkennbar Bezug nimmt, die allerdings – so weiß man – nicht lange halten sollte. Denn nach den satten Jahren kam, ganz wie in der Bibel, auch über die junge Bundesrepublik einige Jahre der Dürre und der Wirtschaftskrise. Lenz, der den Roman aus der Perspektive von 1985 schreibt, blickt zurück auf jene 50er, 60er Jahre und greift auch die Tiefphase der deutschen Wirtschaft in seinem Roman auf. So stellt sich vieles, was unumstößlich erschienen ist, letztlich als Fassade heraus. Auch die einst vom Glück so gut bedachte Familie Zeller muss demnach irgendwann feststellen, dass Wachstum seine Grenzen kennt.Wäre Siegfried Lenz Roman eine reine Parabel auf die geschilderten Zustände in der jungen Bundesrepublik, hätte der bekannte und begnadete Autor wohl kaum einen Roman von über 400 Seiten damit füllen können. Wenn man sich als eifriger Lenz-Leser an einen seiner früheren Romane erinnert, Brot und Spiele, wird man wissen, dass die Parabel bei Lenz auch immer noch eine weitere Komponente hat: nämlich die erzählerische. Das Aufblühen und das Verdorren der Gärtnerei wäre innerhalb einer schmalen Kurzgeschichte berichtet: doch Siegfried Lenz geht es ums Erzählen. Ums Erzählen der Geschichte der Familie Zeller auf der Flucht, ums Erzählen der gegenwärtigen Situation in der Gärtnerei aus Brunos Augen und um die mal kleineren, mal größeren Erlebnisse, die dieser Junge macht. Von seinem Umfeld belächelt, weil er Konrad Zeller stets den „Chef“ nennt und beinahe einschränkungslos bewundert, breitet sich gegen Ende des Romans sogar noch ein Familiendrama unter dem Dach der Familie Zeller aus. Denn Konrad Zeller ist Bruno so verbunden, dass er ihm – logischerweise gegen den Willen seiner Kinder – seine Gärtnerei vermachen möchte. Wie die Debatte um die finanziellen Mittel letztlich die Familie spaltet ist das zweite tragische Ende dieses Romans.Es ist vollkommen klar, dass es Siegfried Lenz zu keinem Zeitpunkt um die Darstellung irgendwelcher politischer Verstrickungen gegangen ist. Die Bundesrepublik und ihre Geschichte scheint Lenz ausschließlich eine weitere Ebene zu sein, die sich leicht mit seinem ohnehin geplanten Erzählstoff verbindet und vor allem Rezensenten und Literaturwissenschaftler zufriedenstellt, die hinter jedem Text noch eine dritte und vierte Ebene vermuten und finden wollen. Klar ist, dass es ihm – wie in jedem seiner Werke – ums Erzählen als solches geht. Um Beschreibungen von vergangenen Zeiten, von Landschaften, die es in dieser Form nicht mehr gibt, von Begebenheiten und ihren Dimensionen für die Entwicklung von Menschen. Dass er sich in diesem Roman einer Erzählerfigur bedient hat, die man daher als fragwürdig einschätzen kann, weil sie von ihrer Position her so beeinflusst ist, dass man die Schilderungen nicht für neutral erachten kann, ist ein Schritt von Lenz als Schriftsteller zu mehr Kunstfertigkeit. Es spricht nicht mehr, wie in der Deutschstunde, ein junger Mann, der sich an alles genau erinnert und mit klarem Blick seine eigene Kindheit und die Menschen, die sie bestimmten, analysiert. Es ist – gottseidank – auch nicht mehr ein redseliger alter Mann wie in Heimatmuseum, der seinen Zuhörer im Roman und seine Leser außerhalb des Buches mit einem Redeschwall überfällt. Es ist eine Figur, die selbst Teil des unmittelbaren Geschehens ist und emotional so an die Vorgänge gebunden ist, dass man automatisch zu denken und zu fühlen beginnt wie eben dieser Bruno. Es ist eine nicht zwangsläufig angenehme Angewohnheit von Lenz, in seinen späteren Romanen wirklich alles auszubreiten, was es über eine Geschichte wie die der Familie Zeller zu sagen gibt. Zweifellos ist der große Einfallsreichtum bzw. die Beobachtungsgabe von Lenz, sollten die Geschichten in Exerzierplatz an wahre Begebenheiten angelehnt sein, zu bewundern. Doch manchmal hat man in der Tat den Eindruck, Lenz ginge es auch in diesem Roman wieder um das Archivieren, das Auflisten von Geschichten, die keineswegs allesamt gleichermaßen bedeutsam sind für den Roman.Dass man Exerzierplatz allerdings sowohl als politische Parabel lesen kann, obwohl Lenz nicht an einer Stelle einen Bundeskanzler oder eine Partei erwähnt, aber auch einfach den Familienroman vor historischer Kulisse in dem Buch sehen kann, ist eine erfreuliche Doppelbödigkeit des Textes. Die Parabel funktioniert in beide Richtungen und lässt dem Leser somit viel Spielraum, was er in diesem Buch sehen möchte. Wenn man sie als eine unterhaltsame Familiengeschichte mit einigen Längen liest, wird man wenig vermissen. Sieht man in ihr das Buch eines politischen Beobachters, der den Drang zum Erzählen in keinem seiner Werke zu mäßigen versucht, ist es vor allem ein Roman, der uns etwas über die Psyche der Menschen in der Nachkriegszeit verrät. Am Beispiel der Familie Zeller wird das nicht nur unter den Vertriebenen erkennbare Bedürfnis skizziert, nach Jahren der Zerstörung endlich wieder etwas Schönes in den Alltag zu lassen, an dem man sich erfreuen kann. Man baut sich ein Eigenheim, lässt Blumen und Pflanzen in seinen Garten oder in das Haus, gründet eine Familie und versucht einfach nicht mehr an die Zeit zu denken, die hinter einem liegt: all das scheint schließlich überwunden.Die Politikmüdigkeit, die in vielen Menschen nach wie vor wohnte, und der teils auch heute noch erkennbare Drang der Menschen, sich einer Obrigkeit zu unterwerfen, ohne diese wirklich kritisieren oder hinterfragen zu wollen, wird im Verhalten von Bruno gegenüber Konrad Zeller deutlich. Was der „Chef“ sagt, das wird gemacht. Einschränkungslos. Dass der blanke Materialismus und die Begrenzung der alltäglichen Freuden auf den wirtschaftlichen Wohlstand zum Verhängnis werden kann: das zeigt der Familienstreit, als Konrad sein Erbe Bruno vermachen möchte, der viel mehr Feuer gefangen hat bei der Bewirtschaftung der Gärtnerei. Es ist somit auch die ganz unpolitische sondern fast philosophische Frage von Siegfried Lenz, worin jeder sein eigenes Glück finden kann, die diesem Roman innewohnt.So blickt man trotz der melancholischen Tendenz, die dieser Roman an vielen Stellen bei den romantischen Naturbeschreibungen und Erinnerungssequenzen hat, doch auch betrübt und traurig auf die Zustände der Welt nach dem Krieg. Alles noch einmal auf Anfang: das war das Gefühl der Menschen zur Zeit der „Stunde Null“. Was daraus geworden ist war nicht erst in den 80er Jahren, in denen Exerzierplatz bei Hoffmann & Campe erschien, sondern schon viel früher kritischer Betrachtung ausgesetzt. Heute, wo man das Gefühl hat, dass Politik nur noch um sich kreist und nicht mehr für die Menschen da ist, für die sie eigentlich erdacht wurde, sind Romane wie diese, die uns gedanklich zurückführen an jene Ursprünge, an denen der Exerzierplatz noch das war, als was er ursprünglich gedacht wurde, dringender denn je.