Maßgeblich mit dem Namen Jean-Paul Sartres und seiner Frau Simone de Beauvoir ist die Mitte des 20. Jahrhunderts aufkommende philosophische Strömung, die unter dem Namen „Existenzialismus“ zusammengefasst wird, verbunden. Sartre legte in einem 1946 erstmals publizierten Essay dar, dass er die Geistesauffassung vertritt, dass die menschliche Existenz der menschlichen Essenz (also den Wesenseigenschaften) vorausgeht. Dies kann als Bruch mit der bisherigen, theologisch geprägten Auffassung verstanden werden, in der man davon ausging, dass ein göttlicher Schöpfer dem Menschen zunächst sein Wesen gibt, ehe er/sie auf die Welt kommt.Nicht zuletzt deswegen, weil er ein Zeitgenosse Sartres war und ebenfalls philosophisch tätig war, wird der 1913 in Französisch-Nordafrika geborene Albert Camus ebenfalls dem Existenzialismus zugeordnet. Er selbst distanzierte sich davon, schrieb eigene philosophische Werke und Essays, in denen er unter anderem die Auffassung äußerte, dass sich die menschliche Existenz und die menschliche Essenz im selben Schritt ausprägen würden. Weil aus seinen Romanen, Erzählungen und Essays dennoch Grundlinien der Übereinstimmung mit der Philosophie Sartres zu erkennen sind, wagte die Literaturwissenschaft, Camus als einen gewissermaßen „ungewollten Existenzialisten“ zu bezeichnen – einen Denker, der mit der Philosophie eines anderen mehr übereinstimmt, als er selbst zugeben möchte.In Deutschland kennt man Camus vor allem als Philosophen, und das, obwohl die meisten dann wiederum eher Titel von Romanen wie Die Pest (1947) oder Erzählungen wie Der Fremde (1942) erinnern könnten als die Namen der Essays und Denkschriften, die er in seinem Leben verfasst hat. Würde einer mit felsenfester Überzeugung behaupten, Camus sei ein Philosoph gewesen und der andere den Standpunkt vertreten, er sei vornehmlich als Literat zu bezeichnen, hätten am Ende des Streitgesprächs aber wohl beide Recht. Denn Philosophie und Literatur sind bei Camus einmal weniger als auch bei anderen Schriftstellern nicht voneinander zu trennen. Seine philosophischen Essays sind literarische Essays und seine literarischen Romane sind philosophische Romane. Sie sind Gesellschafts- und Zeitstudien, stellen aber auch grundlegende Fragen an die Menschheit, das menschliche Dasein, besonders: an die Fragen der Unsinnigkeit von Leben und Tod. Besonders intensiv wurde dies in seinem Roman Die Pest herausgearbeitet, findet sich aber auch in anderen Werken, die er im Laufe seines kurzen, 1960 durch einen Autounfall abrupt beendeten Lebens geschrieben hat. Und so ist es auch das zentrale Thema des bei Rowohlt in einer Übersetzung von Grete Osterwald neu verlegten Romans Der Fall von 1956, den er als letzten noch zu Lebzeiten verlegte und der maßgeblich dazu beigetragen haben soll, dass Camus im Jahr darauf, 1957, mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde.Camus‘ Der Fall hätte ursprünglich nur als ein Teiltext mit anderen Erzählungen und Novellen in einer Sammlung erscheinen sollen, konnte sich aber wegen seiner Länge (etwa 120 Seiten) schließlich als Einzelwerk behaupten. Vielleicht wäre er zwischen anderen kurzen Erzählungen in seiner individuellen Brisanz untergegangen, doch der Nobelpreis dürfte Camus eigentlich auch schon vor der Publikation dieses Werkes sicher gewesen sein. Der Fall ist durchgehend aus der Perspektive eines untergetauchten ehemaligen Staranwalts geschrieben, der sich als Jean-Baptiste Clamence vorstellt und sich in einem Amsterdamer Hafenviertel aufhält und einem Fremden von seinem Lebenslauf berichtet. Gleich zu Beginn stellt er heraus, dass er nur aus Selbstgefälligkeit und Opportunismus Jurist geworden ist. Er sieht sich als Diener der Menschen und betont in seinem Monolog, dass sich dies nicht nur in seinem Beruf in der Vertretung von „Witwen und Waisen“, sondern auch in ganz alltäglichen Situationen widergespiegelt haben soll, wie z.B. der Freigabe eines Sitzplatzes im Bus oder dem zuvorkommenden Helfen bei der Überquerung der Straße. Als Staranwalt hielt er sich, wie das Gegenüber schnell erfährt, in der Großstadtmetropole Paris auf, in der er ein nach außen hin formidables Leben führt, das sich eines Abends schlagartig ändert. Beim Überqueren des Pont Royal, der Brücke, die das 1. Arrondissement auf Höhe des Louvre mit idem 7. verbindet, beobachtet er eine Frau, die Suizid begehen möchte, und unternimmt nichts, diese daran zu hindern. Den Bruch, den diese Entscheidung in seinem Leben und bisherigen Verhalten darstellt, bemerkt er erst, nachdem er einige Zeit dem gewohnten Lauf der Dinge weiter nachgegangen ist und dann, von jetzt auf nachher, nicht mehr weitermachen kann wie bisher.Die unterlassene Hilfeleistung auf der Pont Royal ist der Anfang einer sich immer weiter drehenden Abwärtsspirale, einem „Fall“ nicht nur in sozial-gesellschaftlicher, sondern auch charakterlicher Hinsicht, der sich durch das weitere Leben von Jean-Baptiste Clamence rankt. Beim Überqueren von weiteren Brücken in Paris wird er von einem unheimlichen Lachen verfolgt, in einem Streit mit einem Motorradfahrer von den umstehenden Passanten als gewaltbereit dargestellt. Von den Menschen um ihn herum enttäuscht und von dem Gefühl getrieben, in seinem Wesen nicht wertgeschätzt zu werden, möchte er sein Leben anders ausrichten. So ist sein Ziel, in Zukunft nicht mehr nach der Meinung und Wertschätzung der anderen zu leben. Er schließt seine Anwaltskanzlei in Paris, flieht aus Frankreich über London nach Nordafrika, wo er einen Freund aufsuchen wollte, der allerdings in Zeiten des NS den Faschisten zum Opfer gefallen war, und schließlich nach Amsterdam, wo er auf sein Gegenüber, dem er seine Lebensgeschichte erzählt, trifft. Hier ist er davon überzeugt, dass er selbst von sich Buße verlangen muss, um für Verfehlungen geächtet zu werden, die von der Gesellschaft einfach hingenommen und nicht geahndet werden.Wie ein dunkler Schleier schwebt über dem gesamten Roman von Albert Camus die von ihm doch so abgelehnte Geisteshaltung, dass der Mensch derjenige ist, der – wenn er als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt – sein eigenes Leben in der Hand hat. Camus‘ Text kreist um die Frage, wie wir uns in unserem Leben verhalten, um dem Applaus der anderen gewiss zu werden, ohne dabei nach unserem eigenen, tiefinneren Antrieb zu fragen. Clamence ist das beste Beispiel für einen Menschen, der ohne Leidenschaft, sondern nur des Prestiges wegen einen Beruf ergriffen hat und ohne inneren Antrieb ein Leben lang vermeintlich „richtig“ in kleinen Situationen gehandelt hat, ohne dabei ein Gespür für die wirklich relevanten Dinge zu erhalten. Betrachtet man Camus‘ sonstige Auffassung zum Leben und Tod, kann man infrage stellen, ob er als Schriftsteller das Sterben als solches wirklich höher gewichten würde als z.B. das Führen eines Blinden über die Straße; Fakt ist, dass es von den allermeisten Lesern wohl so wahrgenommen werden dürfte.Der Roman ist durchgehend in Form eines Monologs von eben jenem Clamence geschrieben. Sein namenlos bleibendes Gegenüber kommt nie direkt zu Wort, hin und wieder erfahren wir, dass er wohl irgendeine interessierte Frage gestellt hat. Dem Monolog zuzuhören ist auf Dauer sehr anstrengend, was wohl der größte und vielleicht einzige Kritikpunkt an dem Roman sein dürfte, denn so weist er gerade in dieser Hinsicht einige Längen und eine hin und wieder störende Inspirationslosigkeit auf, wie man den Plot anders gestalten könnte. Die Bildhaftigkeit eines Romans und die vielen intensiven Situationen, in denen Clamence seinen eigenen „Fall“ von ganz oben nach ganz unten erlebt, wird nicht ausgeschöpft, sondern bleibt auf die reine Beschreibungsebene beschränkt. Eben das dürfte die Frage in den Raum stellen, ob wir es hier wirklich mit einem erzählerischen Roman zu tun haben, oder nicht vielmehr mit einem langen Essay, einem an Beispielen illustrierten Gedankenspiel über die Gleichgültigkeit der Welt und der Menschheit, die z.B. die Frage nach Gerechtigkeit und Justiz in den Mittelpunkt stellt.Klar ist, dass – egal, welche Kritik man an dem Roman vielleicht hervorbringen möchte – die zentralen Aussagen des Existenzialismus in diesem Werk auf anschauliche, vielleicht auch für den Nicht-Philosophen leichter verständliche Art und Weise zum Ausdruck kommen. Auch wenn Camus dies, möchte man seinen eigenen Aussagen Glauben schenken, nicht beabsichtigt hat, möchte es wohl der Ironie Schicksal, dass man Der Fall als eine der gekonntesten Auseinandersetzungen mit dieser auf Sartre zurückgehenden Philosophie beschreiben kann. Der Mensch ist – so die atheistische Weltsicht der beiden Herren – kein von Gott geschaffenes Wesen sondern das Produkt seiner eigenen Schöpfung. Nimmt man die theologische Komponente dieser Weltanschauung heraus, kann dieser Roman zweifellos Anlass zu einiger Selbstreflexion sein, die die Frage beantworten muss, was wir mit unserem Dasein auf diesem Planeten eigentlich bezwecken wollen.