Ich liebe die ganz harten Sachen: Jahnn, Broch, Joyce, Barnes, Canetti. Lang war ich auf der Suche nach einem modernen Schriftsteller, der die Genußreise fortsetzen helfen kann. Ich habe, vom Medienhype beflügelt, schließlich angefangen, Pynchon zu lesen. Es zog mich hinein wie in einen Strudel. Ein Post-Hippie und Prä-Neocon-Roman mit fulminanten Überraschungen und Volten in fast jedem Absatz. Pynchon ist für mich der neue Nabokov geworden. Das Vergnügen wird göttlich, wenn mit Tequila besoffen gemachte Papageien im Niemandsland vom LKW herunter verkauft werden und einer der Protagonisten seinen besten Vogel in den Ansaugstutzen vom Sportwagenmotor einführt - um mit der Drehzahl die Extase zu regeln. Solche Sachen finden sich fast auf jeder Seite, der Roman liest sich wie die Betrachtung eines Bildes von Hieronymus Bosch.Da wir ein Buch von Pynchon vorliegen haben ist klar wie Kloßbrühe: Das Auto muss der geschniedelte Automann dann auch noch verkaufen. Fazit: Hochkomplizierte Spaßgenialität.
Schmeißt Chronologie, Logik und jegliche "etablierte" Erzählstruktur über Bord, der Fantasiefluß ufert aus, und reißt den Leser in einen labyrinthischen Mahlstrom. Hat ganz bestimmt Einfluss auf den Independent - Film in USA bewirkt. Ohne "Vineland" kein "Pulp Fiction", kein "Magnolia", ...usw.. usw...
Wie Janice, Rabbits Frau, mit ungefähr Vierzig aussieht, weiß ich, und auch wie Bendix Grünlich aussieht – wegen der auch dem Erscheinungsbild der Personen zugewandten Haltung von J. Updike und T. Mann und natürlich deren Beschreibungskunst. Aber ich habe kein Bild vor mir von Prärie, von Justin, Van Meter, Jesaja, Rex und wie sie alle heißen, nicht mal von Zoyd Wheeler, und dass die blonde DL grüne und Frenesi blaue Augen hat und beide tolle Beine haben, von denen die Frenesis die muskulöseren sind – ist mir persönlich zu wenig. Gerade bei der Fülle der Namen, die Mr. Grey auf einer wandfüllenden Systemtapete eingetragen haben mag, wäre ich dumme, orientierungsschwache Nuss für Schilderungen nicht nur der Klamotten dankbar gewesen. (Das scheint mir überhaupt eine Mode geworden zu sein, namentlich bei Erzählungen aus der Ich-Perspektive, wie sie häufig beim Bachmannwettbewerb zum besten gegeben werden: „Ich“ kann so gut wie alles sein, ist halt egal, ja, im Gegenteil: völlig egal, gerade extrem unwichtig, wie eine/r aussieht, kommt eben auf die Innenwelt an. Stimmt, aber eben nur halb. Meine Meinung. Wie Ihr Mann aussieht, dürfte Ihnen auch nicht egal sein. Und sagen Sie jetzt nicht: „Doch, Hauptsache seine Gedanken sind in Ordnung.“) Ich jedenfalls will die Figur vor mir sehen und nicht grübeln, vor wie vielen hundert Seiten und in welchem Zusammenhang in der räumlich-zeitlich überaus verschachtelten Story der Name Vato oder Jinx zum letzten Mal genannt worden ist. Rick, Chick, Trent, Elvissa, RC, Moonpie, Shorty – ich sehe keine Menschen, lese oft nur Namen (jener Figuren, die bei immer neuen / zurückliegenden Begegnungen eingeführt werden), und Handlungen, die ich mangels adäquater Gedächtnisleistung und abgelenkt von tausend Dingen, die ich als Hausfrau zu erledigen habe, nur zu schnell in der Fülle von Sub-Geschichten, Film- und Lied-Titeln vergesse. Aber trotzdem, ein toller Roman, besonders in technischer und sprachlicher Hinsicht. Klug und famos durchdacht. Großartige, atmosphärisch dichte (anspielungsreiche) Landschaftsschilderungen, die Thanatoiden, der Morgen auf dem Campingplatz, Brock Vonds letzte Fahrt – unübertrefflich beschrieben … Fidel Castro und die präparierte Zigarre oder wie die verkaterten Primärfarbenbündel feilgeboten werden – superkomisch.