Infantes "Drei traurige Tiger" ist ein brillantes Meisterwerk voll sprachgewaltigem Zauber und köstlichen Humors. Das Buch hat sich sofort auf meinen persönlichen Olymp der Weltliteratur katapultiert.Es ist relativ schwierig den Inhalt zusammenzufassen, da der Roman von einer disparaten Anordnung lebt wie ich sie nur selten zuvor gelesen habe. Im Grunde genommen führt der Prolog treffend ein: "Showtime!" - Havanna vor der großen Revolution. Die Protagonisten sind Silvestre und Cué, zwei komisch-intellektuelle Exoten, die sich darüber (in reflexivem Bewusstsein) lustig machen (hier wechselt Infante auch die erzählenden Ich-Perspektiven), dass sie während ihrer rasanten Fahrt durch das nächtliche Kuba Bach hören ("Was würde der alte Bachus sagen, wenn er wüßte, daß seine Musik mit fünfundsechzig Stundenkilometers mitten in den Tropen über den Malécon von Havanna fährt?"), La Estrella, eine tragische Sängerin mit Starallüren, die jedoch scheitert (tritt immer in den "Sie sang Boleros"-Kapiteln auf), der wortwitzige Bustrófedon, dessen onomatopoetische Raffinessen die Sprache durchschütteln (insbes. Kapitel "Kopfzerbrecher") und - last but not least - ein Frau, die in elf Szenen einen Doktor die Geschichte von eine Freundin erzählt, dessen Vater eine Frau vergewaltigt hatte, und sie am Ende nicht mehr weiß, "ob ich in Wirklichkeit meine Freundin bin."Infante holt hier alles raus, was technisch möglich ist und hierin bewundere ich ihn in ähnlicher Weise wie den Literaturgott Joyce. Es werden verschiedenste Textformen eingearbeitet: Briefe, Dialoge, innere Monologe (die sehr an das letzte Kapitel "Penelope" in Joyces Roman "Ulysses" erinnern), Lyrik (z.B. ist Bustrós Borborygma Darii angelenht an die pastiorsche "Anrufung des Realismusproblems"), Zeichnungen und Bilder, mathematische Formeln, schwarze Seiten als optische, ja haptische Metapher für den Brunnensturz, leere Seiten bei den "Enthüllungen", Lieder, Palindrome (Bustós Wortspiele versammeln alle mögichen Tropen und Stilfiguren!!!), die Geschichte vom Stock in verschiedenen Versionen, die gespiegelte Seite, das Kapitel zu Trotzki mit dramatischen Elementen, intertextuelle Bezüge zu zahlreichen Schriftstellern mit viel parodistischem Beigeschmack meist dargestellt an den mehr phonetischen Schreibweisen ("Marcel Pru"...), Selbstreferenz durch einen ironisch eingebrachten Text "NICHT ZUR VERÖFFENTLICHUNG" mit den Initialen GCI gezeichnet. Sehr handlungsintensiv ist das letzte Kapitel "Bachanal" - evident der Bezug zu den antik-römischen Bacchanalien, die ihrerseits aus den antik-griechischen Dionysien entsprangen. Der Text lebt vor allem durch den intellektuellen Dialog zwischen Cué und Silvestre, der noch einmal unter steten deliziösen Sprachwitz das persönliche, soziale, politische und kulturelle Spektrum Kubas aufgreift und einen zeitgenössisch-farbenfrohen Querschnitt vor der Revolution zeichnet.Diesen Roman mit einem Dschungel vergleichen zu wollen, offenbart eine Analogie dergestalt, dass man sich eine Mannigfaltigkeit stilistischer Tropen, exotischer Lebewesen, intellektueller Aromen sowie bunter kubanischer Klänge und Bilder darunter vorstellen möge. "Drei traurige Tiger" (übrigens an ein kubanisches Lied angelehnt) ist ein magisches Epos promiskuitiver Spracherotik, eine - wie es im Buche steht - semantische Safari durch das tragikomische Havanna bei Nacht.Mit diesem literarischen opus magnum schenkt Infante der Menschheit eine liebevolle Hommage an das vorrevolutionäre Kuba und zugleich bedeutet er seine Liebe zur Sprache. Diese Liebe, diesen Genuss sollte sich niemand entgehen lassen. Lob auch an den Übersetzer, dessen Herausforderung es war, die Musikalität dieser tropischen Sinfonie nicht zu zerstören...
Großartig, wie Cabrera Infante seine Leser am Cuba der späten 50er Jahre teilhaben lässt! Es ist pure Lebensfreude einerseits, Melancholie andererseits, aber vor allem HUMOR in allen Lebenslagen. Beim Lesen des Kapitels über "Bustrofedon" kann man sich schier zerkugeln vor Lachen!So gesehen hält der Titel ganz und gar nicht, was er verspricht. Ein absolutes Lieblingsstück in meiner Bibliothek!
Hatte mir eine mehr zusammenhängende Geschichte gewünscht. Hier handelt es sich um z.T. schwer lesbare, lose Handlungstränge, die scheinbar zusammenhanglos parallel bzw. zeitlich versetzt ablaufen und sich gelegentlich treffen. Zudem wechselt die Erzählperspektive dauernd, was die lesbarkeit zusätzlich erschwert. Die Versuche den bildungsgrad des jeweiligen Erzählers in eine sehr schnodderige Sprache umzusetzen ist zumindest in der deutschen Übersetzung nicht wiklich gelungen. Für Leser, die verquerte Erzählungen lieben und ein Faible für Kuba haben, vielleicht gerade noch zu empfehlen.