Dieses Buch, für das sich Ransmayr elf Jahre Zeit genommen hat, einen Bergsteigerroman zu nennen, wäre nicht völlig falsch, aber fast eine Beleidigung. Es ist unendlich viel mehr, denn es wird nicht allein von zwei Brüdern aus Irland erzählt, die in Osttibet einen auf den Karten noch gar nicht existierenden Siebentausender bezwingen. Nicht nur der Berg ist unwirklich. Auch die Tour, die Liam und seinen jüngeren Bruder Padraic auf den Gipfel führen soll. Haben sie überhaupt oben gestanden, beide ? Schon das Zwischenlager, nachts im Biwakzelt, in über sechstausend Meter Höhe, schien der Scheitelpunkt ihrer übermenschlichen Anstrengung zu bleiben. Denn Padraic war plötzlich krank und geschwächt von Durchfall. Der ältere Bruder, erfahrener als Padraic, kümmerte sich so zugewandt und fast zärtlich um den Kranken, dass der sich beruhigt fallen lassen konnte in seine Obhut und ein geradezu kindliches Glück empfand. Wie eine Mutter war Liam, der sonst oft selbstsüchtig und stur sein konnte. Begütigend redete der dem schläfrigen und kraftlosen Kranken zu und versprach, morgen, wenn es ihm besser gehe, mit ihm abzusteigen. Keine Rede mehr vom Gipfel des Phur-Ri. Am nächsten Tag aber, als es dem Jüngeren viel besser ging, wollte und musste er Liam überreden, nun doch den Aufstieg zu wagen. Das Wetter war günstig. An den Gipfel erinnert sich Padraic nicht, nur an einen kräftezehrenden Abstieg und eine plötzliche Gerölllawine, die Liam weit hinunter und in den Tod riss. Mit dem Entsetzen über den Absturz des Bruders reißt die Erinnerung ab. Dann kommen Delirien, Übergangsphänomne , Nahtoderfahrungen. Damit beginnt, knirschend wie ein Tritt mit den Steigeisen, dieser grandiose Roman: „Ich starb in 6840 Meter über dem Meeresspiegel am vierten Mai im Jahr des Pferdes“. Das magische, zauberische Aufrufen einer nie gekannten Welt, sei es eine verborgene unter ganz vertrauter Oberfläche oder aus exotischen Regionen, ist Ransmayrs Spezialität. Sein eigener Vortrag vermag diese Wirkung noch zu steigern. Eine ruhige, begütigende, aber keine Fremdheit und Grausamkeit nivellierende, entschlossen ausschreitende Rede, die sich gewöhnlichen Stimmungen zu entziehen scheint, nur das Notwendige und Abgewogene in Worte fasst. Eine erzählerische Trance, eine fast hypnotische Bindung des Zuhörers - oder des Lesers. Der „Fliegende Berg“ taucht ein in das Leben eines Nomadenstammes aus Osttibet, die Schwierigkeiten, dorthin zu gelangen und seine unter der Besatzung Zentralchinas leidende Bevölkerung, die irische Heimat der Brüder und ihre Kletterei an den Klippen der Steilküste. Es geht um Erinnerungen an den irischen Freiheitskampf und die offene Sympathie des schrulligen Vaters für die IRA, den „Hochverrat“ der Mutter, die mit einem Protestanten durchging. Und es ist die feinfühlig erzählte Geschichte einer zwischen Padraic und Myema, einer verwitweten jungen Nomadin, sich entwickelnden Liebe. Aber das eigentlich Thema ist das Verhältnis der Brüder. Da geht es um Wut, Haas, Zuneigung, Zusammengehörigkeit, Spinnerei, Worte, die meistens fehlen. Und um Ungewissheit, Suche, Zweifel und natürlich nachgetragene Gefühle. Denn Liam liegt irgendwo unter Eis- und Geröllmassen im Hochgebirge Tibets. Padraic, der Jüngere, ist zurück auf Horse Island. Nach langem Warten hat er sich daran gemacht, die Hinterlassenschaft Liams zu mustern und das gemeinsame Haus aufzulösen. Korrespondenz, Bücher, Rechner und Bildschirme, die Liams Welt waren und mit deren Hilfe er in Monaten nächtelang den Fluchtpunkt seiner Sehnsucht, Phur-Ri, den fliegenden, auf keiner Karte eingezeichneten Berg, umkreist hat, in seinen 3D-Aninmationen, um schießlich an ihm begraben zu sein, den Tod zu finden. Eine der Amazon-Rezensentinnen hat geschrieben: „Eines der schönsten Bücher, die ich je gelesen habe.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
Das Buch ist ein Leseerlebnis der anderen Art! Anfangs etwas gewöhungsbedürftig wegen der Typographie, aber auch wegen Ransmayrs manchmal ausschweifender Syntax. Doch es lohnt sich, jeden langen Satz ein zweites Mal zu lesen.Sprachlich ein Hochgenuss! Und inhaltlich bietet das Buch das, was wir eigentlich beim Lesen haben wollen: Wir schlüpfen in ein völlig unkonventionelles Leben hinein und machen mit dem Ich-Erzähler Erfahrungen, die in unserer Zivilisation gar nicht mehr möglich sind. Denn wer würde sich schon auf ein solches Abenteuer einlassen und einen Berg suchen, der noch ein weißer Fleck auf der Landkarte ist.Fasziniert hat mich auf, wie Ransmayr verschiedene Themen mitienander verbunden hat: vom Leben eines Niomadenstamms im Tranhimalaya geht es über den Freiheitskampf der Iren bis hin zur Astrophysik, und das, ohne dem Leser irgendwo das gefühl zu geben, er komme wegen irgendwelcher Wissenslücken nicht mehr mit. Die unkonventionelle Liebesgeschichte, die zusätzlich noch mitgefühlt werden kann, ist wunderschön! Das Buch hätte ich auch begierig zu Ende gelesen, wenn es dopprlt so dick wäre. Ganz große Klasse!