Die Nöte des wahren Polizisten: Roman
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Die Nöte des wahren Polizisten: Roman

Hersteller: Fischerverlage  ·  MPN: 798257
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Produktbeschreibung

Die Nöte des wahren Polizisten | Roman | Roberto Bolaño | Taschenbuch | 272 S. | Deutsch | 2022

Bewertungen & Erfahrungen

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Verteilung basiert auf 4 vorliegenden Einzelbewertungen.

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Redaktion 27.07.2026 testmonster.de · Redaktion
Ein faszinierender Einblick in die Gedankenwelt eines großen Literaten, der uns viel über die Komplexität der menschlichen Existenz offenbart. Obwohl das Buch tiefgründig ist, empfiehle ich es besonders für Leser, die eine etwas dichtere Leserfahrung gewohnt sind.
Zoltan Pinter 27.10.2024 amazon.de
Ein weiteres Meisterwerk, wenn auch unvollendet geblieben, des leider viel zu früh verstorbenen Roberto Bolano, eines der großartigsten südamerikanischen Autoren der letzten Jahrzehnte.
Stefan Proust 27.10.2024 amazon.de
In seinem letzten posthum erschienen Roman wird der Leser von Roberto Bolano auf eine vermeintlich falsche Fährte geführt, der Polizist, der im Titel genannt wird, ist nämlich keine Titelfigur, sondern der Leser selbst, “der vergeblich versucht, Ordnung in diesen vermaledeiten Roman zu bringen.” In einem Brief von 1995 berichtet der chilenische Schriftsteller, dass er seit Jahren an einem Roman mit dem Titel “Die Nöte des wahren Polizisten” arbeitet “und das ist MEIN ROMAN. …Achthunderttausend Seiten, ein aberwitziges Verwirrspiel, das niemand durchschaut.” Das unabgeschlossene Manuskript, das nach dem Tod von Bolano in seinen Papieren gefunden wurde, hat dementsprechend einen fragilen, fragmentarischen, provisorisch anmutenden Charakter, der Bolanos Beitrag zum literarischen Bruch linearen Erzählens ist (abschweifendes, kontrapunktierendes Erzählen, Vermischung der Genres). “Die Wirklichkeit, so wie man sie bis ins neunzehnte Jahrhundert verstanden hatte, war nicht länger der Maßstab” für Roberto Bolanos literarisches Schaffen. Kennzeichnend für den modernen Roman ist ja bekanntlich “die Aufhebung der Grenze zwischen Fiktion und Realität, zwischen Erfindung und Essay”. Bolano treibt das auf die Spitze und erschafft einen literarischen anarchischen Kosmos, wo das Buch für den Leser zu einem Abenteuer, zu einem Labyrinth und einer Wüste wird, wo “dass Lesen und Reisen wichtiger” ist, “als alles andere auf der Welt, vielleicht sogar ein und dasselbe, und man damit nie aufhören durfte.”Der Hauptprotagonist Oscar Amalfitano, Professor für Literatur, bringt seinen Studenten bei, “dass die Schriftsteller, die gelesen wurden, die Seele der Steine verließen, wo sie nach dem Tod lebten, und sich in die Seele der Leser wie in einem weichem Gefängnis niederließen, dass dieses Gefängnis sich aber dann blähte und explodierte. Dass jedes System einer Schreibweise ein Verrat ist. Dass die wahre Poesie zwischen Abgrund und Unglück zu Hause ist… Dass die wichtigste Lektion der Literatur die Tapferkeit war, eine seltene Tapferkeit, wie ein steinerner Brunnen inmitten einer Seelandschaft, eine Tapferkeit, vergleichbar einem Strudel und einem Spiegel. Dass das Lesen nicht bequemer war als Schreiben. Dass man durch Lesen zweifeln und erinnern lernt. Dass die Erinnerung die Liebe war.” Der Protagonist Amalfitano ist sozusagen das Zentrum des hier vorliegenden Romans. Seine Kurzbiographie wird gleich zweimal erzählt, einmal aus der Innenperspektive, das andere Mal als Auskunftsprotokoll für den Polizeikommissar von Santa Teresa, dem letzten Zufluchtsort von Amalfitano. Amalfitano ist ein fünfzigjähriger Witwer, Universitätsprofessor, der nach dem Tod seiner Frau Edith Lieberman mit seiner siebzehnjähriges Tochter Rosa zusammenlebt. Der gebürtige Chilene, jahrzehntelang überzeugter Marxist (als Student verfasste er Pamphlete und las “Das Kapital”), lässt sich nach einer langen Odyssee in Barcelona nieder, “wo ich mich mit Leidenschaft und Anstand meiner Arbeit widmete”.Hier entdeckte er auch seine Homosexualität “wie die Russen ihre kapitalistische Ader”. Über “seine relativ junge Homosexualität” macht sich der Universitätsprofessor so seine Gedanken und sucht nach literarischen Referenzen und Vorbildern, doch “alles, was ihm einfiel, waren Thomas Mann und jene Art schlaffen, harmlosen Geschwuch..., an der er im Alter laborierte.” Bei einigen anderen spanischen Romanciers, “die jenseits der Dreißig ihre warme Ader entdeckten, fand er auch keinen Trost: Die meisten waren national-chauvinistische Tunten, so dass der bloße Gedanke an sie ihn deprimierte.” Über Rimbauds Gedicht “Le Coeur Volé”, an das er sich manchmal erinnerte, “in dem einige Kritiker Rimbauds minutiöse Schilderung seiner Vergewaltigung durch einen Trupp Soldaten erblickten, als er auf dem Weg nach Paris war, wo er sich dem Traum der Commune anschließen wollte”, stellte er “verwegene Analogien her” und sah in Rimbauds Gedichtzeilen, die er gegen den Strich las, “das Ende seiner Heterosexualität”. Jedenfalls beginnt er eine Affäre mit einem seiner Studenten, Joan Padilla: “Amalfitano war fünfzig, und es war das erste Mal, dass er mit einem Mann vögelte. Ich bin kein Mann, sagte Padilla, ich bin dein Engel.”Der Figur Padilla verdanken wir eine originelle satirisch-groteske Kategorisierung der Literatur, als Ouvertüre des Romans. Der Student, der heimlich Gedichte verfasst und sie in die Psychiatrie von Mondragón schickt, wo sein Lieblingsdichter Leopoldo Maria Panero weilt, unterscheidet in Gesprächen mit seinem umgepolten Liebhaber Amalfitano zwischen heterosexueller, homosexueller und bisexueller Literatur. Romane sind ihm zufolge “im allgemeinen heterosexuell. Die Lyrik dagegen war durch und durch homosexuell. In ihren ozeanischen Weiten unterschied er mehrere Strömungen: Schwule, Schwuch…, Schwestern, Tunten, warme Brüder, Trinen, Tucken und Epheben. Die beiden Hauptströmungen waren jedoch die der Schwulen und Schwuch…. Walt Whitman, zum Beispiel, war ein schwuler Dichter. Pablo Neruda eine Dichterschwuch… .” Er zählt eine ganze Liste von Dichternamen auf, die entweder in die eine oder die andere Kategorie der Hauptströmung fallen, wobei als größte Überraschung ein Dichter der russischen Revolution in der überzeichneten Aufzählung mit dabei ist, “wo es, wenn wir ehrlich sein sollen, nur einen schwulen Dichter gab. Wen?, wirst du dich fragen. Majakowski? Nein. Jessenin? Auch nicht. Pasternak, Blok, Mandelstam, Achmatowa? Schon gar nicht. Schon gar nicht. Nur einen, und jetzt spanne ich dich nicht länger auf die Folter, jawohl, Schwuler der Steppen und des Schnees, Schwuler vom Scheitel bis zur Sohle: Chlebnikow.”Als das Verhältnis zwischen dem Professor und seinem exzentrischen Studenten sich an der Universität herum spricht, beschließt der Rektor des literaturwissenschaftlichen Instituts Amalfitano offiziell zu beurlauben “und einen Mantel des Schweigens über die ganze Angelegenheit breiten.” Ein Arbeitskollege von der Universität kann nicht begreifen wie Amalfitano so unvorsichtig sein konnte, woraufhin ihm Amalfitano “in Gedanken an Padillas Körper” erwidert, er hätte immer Kondome benutzt. “Zum Schandfleck des Lehrkörpers” stigmatisiert, verlässt Amalfitano mit seiner Tochter Spanien. Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben tritt er seine neue Arbeitsstelle an der Universität von Santa Teresa in Mexiko an. Hier findet er einen neuen Partner, führt aber weiterhin einen Briefwechsel mit seinem ehemaligen Geliebten Padilla, der ihm berichtet, dass er an einem Roman mit dem Titel “Der Gott der Homosexuellen” schreibt. In diesen Briefen schildert er ihm von seinen Ambitionen “der Aimé Césaire der Homosexuellen zu sein” und erwähnt einen Bischof von Argentinien, der im “Gott der Homosexuellen”, angeregt hatte, “die gesamte, nicht strikt heterosexuelle argentinische Bevölkerung in die Pampa umzusiedeln, wo sie, der Macht und Gelegenheit beraubt, ihre Mitbürger zu verderben, ihre eigene Republik mit eigenen Gesetzen und Gebräuchen errichten dürfte. Der weise Erzbischof hatte seinem Plan sogar einen Namen gegeben. Er lautete Argentinien 2, hätte aber genauso gut Tuntenhausen lauten können.” Der Gott der Homosexuellen entpuppt sich dann allerdings als das Aidsvirus, mit dem sich Padilla infiziert hat.Dies ist nur der Haupterzählstrang. Bolano führt in und um Santa Teresa, eine abgelegene Grenzstadt, die Bolano-Leser aus “2666” noch kennen werden, weitere Erzählstränge, Episoden und Figuren ein, lauter Puzzleteile, die trotz einer unkonventionellen Erzählweise ein kohärentes Ganzes ergeben.
Sunflower 27.10.2024 amazon.de
"Wenn Sie einen Schriftsteller lesen, der keine Nachtseite hat, so handelt es sich um leichte Kost." Diesen Satz prägte der italienische Autor Giorgio Manganelli und fast scheint es, dass er damit den in Chile geborenen, in Mexiko aufgewachsenen und in Spanien zu literarischem Weltruhm gelangten Roberto Bolaño meinte. Nachtseiten konnte Bolaño wohl einige verzeichnen, und schenkt man den Legenden über den 2003 mit nur fünfzig Jahren verstorbenen Autor Glauben, so hat er sich gewissermaßen in der Stunde seines Todes in die unbestrittene Leitfigur der jüngeren lateinamerikanischen Literatur verwandelt. Er soll unter Pinochet im Gefängnis gesessen, in den siebziger Jahren in Mexikos Hauptstadt ein wildes Leben zwischen Drogen und literarischer Avantgarde geführt und nach seiner Übersiedlung nach Spanien von der Hand in den Mund gelebt haben. Auch das Bild eines gefährlichen, Gewalt verherrlichenden und ein nihilistisches Weltbild vermittelnden Menschen prägte er.Ein bisschen Wahrheit ist wohl, wie bei allen Legenden und Mythen, immer vorhanden. Vor allem in seinem mit dem höchsten lateinamerikanischen Literaturpreis belohnten Roman "Die wilden Detektive" kann man diesem Mythos auf fast jeder Seite begegnen. Doch auch die anderen Erzählungen Bolaños bevölkern fanatische, kompromisslose, gleichzeitig aber auch verzweifelte und am Rande des Suizids stehende Helden, die sicherlich untrügliche Wesenszüge des Autors tragen, aber trotzdem viele surrealistische Elemente beinhalten.Sicher konnte man sich bei Bolaño nie sein, aber zweifelsohne zeichneten ihn drei wesentliche Charakterzüge aus: sein Witz, seine Unerschrockenheit und seine überwältigende Liebenswürdigkeit.Zehn Jahre nach seinem Tod wird nun ein "neuer" Roman veröffentlicht, an dem Bolaño fast zwanzig Jahre gearbeitet hat. Im Vorwort erklärt Juan Antonio Masoliver Ródenas, ehemaliger Professor für spanische und lateinamerikanische Literatur an der Universitiy of Westminster London, Autor und langjähriger Literaturkritiker, dass es sich bei "Die Nöte des wahren Polizisten" zwar um einen unabgeschlossenen, aber keinen unvollständigen Roman handelt und die aktive Beteiligung des Lesers, "der durch sein Lesen Mitschöpfer des Werkes ist", wichtig sei. Dies zeichnet unzweifelhaft alle Bücher Bolaños aus. Leicht hat es der Autor seinem Leser noch nie gemacht. Seine Werke generieren schon immer Labyrinthe und Wüsten, in denen man sich schnell verirren, ja, "umkommen" kann. Doch dieses Buch, an dessen romanesker Handlung kein Zweifel besteht, trägt deutlich mehr Zeichen einer Skizze oder Studie. Es erscheint einfach zu unfertig, als dass es die Bezeichnung Roman tragen sollte. Sein Charakter der Vorläufigkeit ist in jedem der fünf Kapitel (Der Fall der Berliner Mauer / Amalfitano und Padilla / Rosa Amalfitano / J.M.G. Arcimboldi / Sonoras Mörder) deutlich zu spüren. Einen roten Faden wird man vollständig vermissen.Erneut begegnet man dem linksintellektuellen Literaturwissenschaftler Amalfitano und dem Schriftsteller Arcimboldi in der mexikanischen Wüstenstadt Santa Teresa, die dem ein oder anderen Leser bereits aus "2666" bekannt sein dürften. Hier allerdings muss Amalfitano mit seiner Teenager-Tochter Rosa wegen einer homosexuellen Affäre Barcelona verlassen. Doch in ihrer neuen Heimat kommen sie gleichfalls nicht zur Ruhe. Sie werden von der Polizei verfolgt. Sein ehemaliger Liebhaber Padilla wiederum schreibt Amalfitano in seinen Briefen von einem Romanprojekt mit dem Titel "Der Gott der Homosexuellen". Zudem ist er an Aids erkrankt. Eine Freundin mit Namen Elisa, die neuerdings um ihn ist, verkörpert dabei offensichtlich den Tod.Sexualität, Gewalt, Liebe, Entwurzelung, Einsamkeit und Brüche, die dunkelsten Bezirke des Menschseins, sind wiederum kennzeichnendes Element des literarischen Stils Bolaños. Amalfitano fungiert dabei als "Detektiv", "der das Zentrum der metaliterarischen Dimension des Romans verkörpert" und Padilla als der offensichtliche Protagonist. Doch ein Zusammenlaufen der Fäden in diesen beiden Personen, ihre erklärenden und verbindenden Parts, mögen sie auch noch so versteckt enthalten sein, vermisst man. Das Falsche und Authentische, das Ernste und Verspielte, das wirkliche Werk und sein Schatten, diese so kennzeichnenden Eigenschaften Bolaños Schreibens, die sich umarmen und gemeinsam in Richtung Zerstörung marschieren, sind nur ansatzweise zu entdecken. Zu groß erscheinen die "Rätsel, die, mit Kreide auf die Stirn geschrieben, ihre eigenen Antworten mit sich herumtrugen." Das Buch erinnert in seiner Unfertigkeit eher an einen "Steinbruch" für das zu errichtende, offensichtlich monumentale Hauptwerk.Fazit: "Bücher sind Wege, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wieder zu finden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgendetwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das Neue, das, was immer schon da war.", schrieb der Autor in seinem hellsichtigen Essay "Literatur+Krankheit=Krankheit". Geistreich, voller Esprit, messerscharf und zuweilen unbändig komisch, so war Roberto Bolaño zu Lebzeiten, ein Realist, einer, der die Wirklichkeit hinter den Tatsachen suchte und beschrieb. Ihn zu lesen ist ein intellektuelles Vergnügen, ein Erlebnis, aber auch ein Experiment und ein Schauder, weil es keinen typischen Bolaño-Ton gibt, weil er formale Offenheit praktiziert, erwartete Begegnungen stets ausbleiben und klug ausgelegte Spuren ins Nichts führen. "Die Nöte des wahren Polizisten" hinterlässt allerdings einen zwiespältigen Eindruck. Aus dem Fragment hätte vielleicht etwas Großes werden können. Aber vielleicht fehlte mir auch nur genug Tapferkeit. Denn wie schreibt der Autor in persona Amalfitanos: "Dass die wichtigste Lektion der Literatur die Tapferkeit war, eine seltene Tapferkeit, wie ein steinerner Brunnen inmitten einer Seelandschaft, eine Tapferkeit, vergleichbar mit einem Strudel und einem Spiegel. Dass Lesen und erinnern lernt. Dass die Erinnerung die Liebe war." Und weiter: "Dass die Schriftsteller, die gelesen wurden, die Seele der Steine verließen, wo sie nach dem Tod lebten, und sich in der Seele der Leser wie in einem weichen Gefängnis niederließen, dass dieses Gefängnis sich aber dann blähte und explodierte." Leider konnte ich diese literarische Explosion in "Die Nöte des wahren Polizisten" nicht wahrnehmen.
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