„ Ein guter oder ein schlechter Roman?“, fragte Marcel Reich-Ranicki seine Diskussionskollegin in der 43. Ausgabe des Literarischen Quartett, woraufhin Sigrid Löffler mit den Worten „Ein hinreißender Roman“ antwortete. Das Vierergespann um den deutschen Literaturpapst des vergangenen Jahrhunderts war sich was den siebten Roman des spanischen Schriftstellers Javier Marías anging, allgemein sehr einig. Reich-Ranicki selbst lobte das 1992 in Spanien und schließlich 1996 in deutscher Übersetzung erschienene Werk Mein Herz so weiß, dessen Titel an eine Passage in Shakespeares berühmtem Drama „MacBeth“ angelehnt ist, mit den Worten, dass dies einer der wichtigsten Romane sei, die er überhaupt in den vergangenen Jahren gelesen habe. Wenn er einen vergleichbaren literarischen Schriftsteller nennen solle, würde ihm wohl nur der Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez einfallen, den er auf eine ebenso hohe literarische Qualität einordnen würde.Ob es allein an Reich-Ranicki oder allgemein an der hohen Qualität des Schriftstellers Javier Marías liegt, dass die Diskussionen und Spekulationen um einen Nobelpreis an den 1951 in Madrid geborenen Schriftsteller nach wie vor so groß sind, ist reinen Spekulationen überlassen. Tatsache ist, dass sich sein literarischer und internationaler Rang und Ruf bereits über Jahrzehnte hält, obwohl die höchste Auszeichnung, die man für ein literarisches Werk bekommen kann, nach wie vor aussteht. Marías hatte in Spanien bereits viele Bücher veröffentlicht, seinen ersten Roman im zarten Alter von neunzehn Jahren veröffentlicht während er bereits in früher Jugend, mit elf Jahren, das Schreiben von Geschichten begonnen hatte. Während er in seinem Heimatland Spanien literarisches Ansehen genoss, nicht zuletzt wegen seines kritischen Blicks auf die Politik (Marías Vater litt als Regimekritiker unter der Franco-Diktatur), dürfte der Roman Mein Herz so weiß der Ursprung des internationalen Erfolgs dieses Autors gewesen sein. Die Geschichte, die in verschiedene Richtungen interpretiert wird, ist vielleicht gerade deshalb so vielseitig, weil sie nicht etwa im klassischen Romanstil linear erzählt ist und nicht – wie es z.B. in deutschen oder amerikanischen Romanen des vergangenen Jahrhunderts üblich war auf dem kleinen Raum von etwas mehr als 200 Seiten nur eine schicksalhafte Thematik behandelt, sondern weit ausschweift und viele Aspekte unter die Lupe nimmt. Der Ich-Erzähler namens Juan beginnt seinen Bericht mit den Worten: „Ich wollte es nicht wissen, aber ich habe erfahren…“ Würde der Preis für den besten und interessantesten ersten Satz neben der Ehrung von Günter Grass Einleitung in den „Butt“ heute noch einmal vergeben werden, wäre dieser von Marías auf jeden Fall weit vorne dabei.Denn wenn man diese Zeilen gelesen hat, ist klar, dass man selbst als Leser auf jeden Fall wissen möchte, was dieser Juan erfahren hat, ohne es gewollt zu haben. Die Geschichte linear nachzuerzählen ist unmöglich, da sie auch im Roman nicht linear vorkommt, doch sei hier erst einmal mit dem Setting angefangen: Juan arbeitet als Dolmetscher für führende politische Persönlichkeiten des spanischen Staates in den Vereinten Nationen. Aufgrund dieser Tätigkeit weiß er mit Sprache umzugehen, was sich auch in dem opulent und anspruchsvoll erzählten Roman offenbart, kommt zudem auch viel herum und verlässt seine Geburts- und Heimatstadt Madrid häufig. Seine spätere Ehefrau Luisa lernt er auf einer jener Tagungen der Vereinten Nationen kennen, als sie ihm als Ko-Dolmetscherin an die Seite gestellt wird, um seine Arbeit zu überprüfen. Mit einem Schmunzeln sieht sie darüber hinweg, dass Juan gelegentlich eigenmächtig gewisse Dinge in den Dialogen zwischen den Staatschefs austauscht. Die beiden kommen sich schnell näher, heiraten schnell und finden sich in ihrem Alltag einer emanzipierten Ehe zügig zurecht. Bereits auf der Hochzeitsreise deuten sich dann allerdings die Konfliktpole der späteren und eigentlichen Handlung des Romans an: Luisa ist mit einem überraschenden Fieber erkrankt, das Pärchen verbringt den Tag im Hotel und beobachtet wie eine fremde Frau von der Straße Morddrohungen in Richtung von Juans Balkon schreit. Als sich herausstellt, dass es zu einem Missverständnis gekommen ist und die aufgebrachte Dame den Mann im Zimmer neben Juan meinte, lauscht dieser durch die durchlässigen Wände und hört mit, wie sich das Liebespaar unterhält. Er erfährt dabei, dass der Mann im Zimmer neben ihm mit einer anscheinend kranken Frau verheiratet ist und nur darauf wartet, dass diese stirbt, damit er mit seiner Liebschaft, der Frau von vor dem Hotel, zusammenziehen kann. Eben jene zuvor so aufgebrachte Frau verlangt von ihm, den Vorgang des Sterbens zu beschleunigen und die kranke Gattin zu ermorden, damit die beiden endlich zusammenziehen können.Absurd und vollkommen fern von jedem Zusammenhang erscheinen die zunächst fragmentarisch erscheinenden Elemente in diesem Roman, die sich erst gegen Ende zusammenfügen. Das Buch setzt ein mit dem zentralen Konflikt, der in Anbetracht des Aufrollens der Rahmenhandlung, die hier zuerst geschildert wurde, mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Neben dem Ich-Erzähler Juan und seiner Frau Luisa ist nämlich auch Juans Vater Ranz eine tragende Figur des Plots. Dieser war in seinem Leben dreimal verheiratet, Juan weiß allerdings nur von zwei Ehen: von der mit seiner Mutter, der letzten Frau von Ranz, und der vorhergegangenen mit der Schwester seiner Mutter, Teresa. Diese kam allerdings vor Juans Geburt ums Leben, angeblich durch eine Krankheit. Wie sich durch ein Gespräch mit einem entfernten Verwandten von Juan herausstellt, war Teresa allerdings an Suizid gestorben: sie war von der Hochzeitsreise mit Ranz zurück nach Madrid zu ihrer Familie gekommen, war vom Esstisch aufgestanden, hatte sich die Pistole ihres Vaters genommen, sich im Bad eingeschlossen, sich ausgezogen und dann ins Herz geschossen. Warum bleibt bis kurz vor Schluss offen, die Pointe dieses Schlüsselmoments hier zu verraten wäre fatal. Was dem Leser allerdings schnell klar sein wird: all das hängt maßgeblich mit dem Tod der ersten Ehefrau, von der Ranz nie gesprochen hat, zusammen. Dass der Mann nun nach dem natürlichen Tod von Juans Mutter zum dritten Mal Witwer geworden ist, ist ein sowohl beängstigender als auch fragwürdiger Zustand, der zwar mit der Vergangenheit zusammenhängt aber doch maßgeblich auf Juans Gegenwart einwirken soll.Viele Rezensenten dieses Buches haben als ausschlaggebendes Thema für den Roman Mein Herz so weiß die Sprache angeführt, und wenn man den Text gelesen hat, wird man diese tragenden Elemente durchaus entdecken können. Allein die berufliche Tätigkeit von Juan und Luisa ist ein tragender Aspekt in diesem Roman. Das Kapitel, das rückblickend erzählt, wie sich die beiden kennengelernt haben, ist phänomenal geschrieben und demnach auch phänomenal übersetzt – heute liegt in der Publikation beim Fischer Verlag eine Übersetzung von Elke Wehr vor. Dass sich die anspruchsvolle sprachliche Gestaltung durch lange Sätze und viele in Klammern verfasste Einschübe teilweise auch auf das Lesetempo auswirkt, muss man akzeptieren: dies ist kein Roman, den man einfach so wegliest, sondern von dem man selbst gezwungen wird, ihn sich langsam dosiert zuzufügen, was die Wucht, die er entwickelt, noch einmal verstärkt.Neben der Sprache, die als Thema eines Romans eigentlich immer vorrangig sein sollte, bietet das Buch allerdings noch viel mehr: es ist nämlich auch die Geschichte von Beziehungen unter Menschen an sich. Da ist der Konflikt von Juan zu seinem Vater, der über die Vergangenheit nicht reden möchte, ihn nicht als einen erwachsenen Menschen anerkennt, ihm allgemein das Gefühl vermittelt, dass sein Leben wenig bis gar nichts mit dem seines Sohnes zu tun hat. Da ist aber auch die Beziehung von Ranz zu seinen drei Frauen, die letztlich zwar nur in Nacherzählungen ansatzweise rekonstruiert wird, aber doch ein bestimmendes Rätselelement in diesem Buch ist. Auch die Schlussfolgerungen, die Juan für sein eigenes Leben in einer modernen Welt ziehen muss, sind die Fragen, die dieser Roman aufwirft. Ein Generationen- aber eben auch ein Individualitätskonflikt wird hier ausgehandelt, und wenn man ganz genau hinschaut, haben alle Figuren, die in Mein Herz so weiß vorkommen, letztlich so einen inneren Dialog zu führen: mal kommen die Gedanken beim Leser an, mal bleiben sie verschlüsselt. Interessante Spekulationen und Psychoanalysen könnten in der Literaturwissenschaft aufgestellt werden, wenn man sich z.B. ausschließlich der schemenhaft bleibenden Figur der Teresa widmet, und sich die Frage stellt, was im Kopf dieser innerlich zerstörten Frau in den Minuten vor ihrem Tod, in dem sie noch in der Gesellschaft ihrer Familie am Esstisch saß, vorgegangen ist.Dass der Roman überhaupt Spekulationen über all das zulässt, ist sein ausschlaggebendes Qualitätsmerkmal. Es ist ein dichter Roman der allerdings in viele Perspektiven abdriftet und dadurch durch seine Konsistenz an den allermeisten Stellen nicht verliert. Ein etwas zu lang geratener Teil in der Mitte, in der Juan die Liebesgeschichte mit einer New-Yorker Kollegin aufwärmt, die entgegen der anderen Ausschweifungen kein tragendes Element für das Vorankommen des Buches darstellt, lässt dieses ansonsten durchgehende positive Kriterium ein ganz kleines bisschen verblassen. Ob Marías hier zu viel wollte oder ob es letztlich doch nicht auch wieder leserabhängig ist, was man für zugehörig oder überflüssig hält, sei dahingestellt, es muss auch nicht erörtert werden für die Frage, die einst Reich-Ranicki stellte und für jeden Leser dieser Rezension von Belang ist: Ein guter oder ein schlechter Roman?Und zweifellos ist diese Frage ganz im Sinne der Viererrunde zu beantworten, die sich damals, 1996, überraschender und seltener Einigkeit erfreute: natürlich ist es ein guter Roman, ein sehr lesenswerter Roman und ein einzigartiger Roman von besonderer literarischer Qualität – zweifellos auf dem Niveau eines Garica Marquez. Und so kann man in Anbetracht dessen, dass es sich bei Javier Marías um einen zeitgenössischen, lebenden spanischen Schriftsteller handelt, der noch aktiv am Schreiben ist, nur dazu ermutigen, diese Grundbausteine seines literarischen Werkes jetzt schon zu lesen, damit man sich dann auch mit seinen Neuerscheinungen auseinandersetzen kann, die unter großer Wahrscheinlichkeit ebenso spannend wenn nicht gar ebenso gut sein werden. Die Option Nobelpreis besteht für ihn nach wie vor, und wenn man es sich genau überlegt ist er mit den anderen Namen, die im internationalen Raum dafür infage kämen, doch unter die top ten wenn nicht gar top five anzuordnen. Denn hier kann man in der Tat einen besonderen Schriftsteller dieser Zeit entdecken!