Eine der berühmtesten Liebesgeschichten, die die Weltliteratur nachhaltig geprägt haben, ist die von Odysseus und Penelope aus Homers Heldenepos. Zwanzig Jahre war der Held von seiner Heimat, seiner Frau und seinem kurz vor seiner Abreise gezeugten Sohn Telemach getrennt, während er auf hoher See mit allen möglichen Fabelwesen und mythischen Gestalten Krieg führte. Penelope wurde zum Idealbild der treuen Ehefrau; ungeachtet der Frage, ob ihr Mann und der Vater ihres Kindes jemals zurück in die Heimat kehren würde, blieb sie ihm treu, wies sämtliche Freier, die um sie warben, zurück und belegte sie teils mit unlösbaren Aufgaben, brauchte sie einen Grund, sie abzuweisen.Verstaubt und aus der Zeit gefallen wirkt die Geschichte von Odysseus und Penelope, und nebenbei auch ausgesprochen misogyn. Penelope ist die ideale, treue Frau, die jedwedes Liebesglück zwanzig Jahre von sich weist, um auf Odysseus zu warten, während dieser nicht nur kämpferische Heldenabenteuer auszufechten hat, sondern auch bei der ein oder anderen Nymphe sein (wenn auch nur zeitweiliges) Liebesglück zu finden sucht. Auch wenn sich die Zeiten geändert haben und Liebe, Ehe und Familie heute anderen Gesetzen und Dynamiken folgen, hat die Geschichte von der homerischen Odyssee nach wie vor einen prägenden Charakter für die europäische Literatur bis in die Gegenwart. Die These, dass nach Homer eigentlich alle erzählten Liebes- und Heldengeschichten nur noch eine Fußnote zu dem bereits erzählten Epos sind, mag sich auf der einen Seite bestätigen, auf der anderen Seite aber auch wieder nicht. Denn auch wenn die Parallelen zu Penelope und ihrem heldenhaften Gatten und dessen zwanzigjähriger Abwesenheit zu Javier Marías vorletztem Roman Berta Isla unverkennbar sind, ist es doch eine andere Geschichte die er erzählt. Eine Geschichte, die mit seiner Zeit, dem 20. Jahrhundert, und nicht mit der homerischen zu tun hat.Javier Marías, 1951 in Madrid geboren, 2022 ebenda verstorben, galt von seinem Roman Mein Herz so weiß 1996 bis zu seinem Tod als der wichtigste spanische Autor der Gegenwartsliteratur und war jahrzehntelang heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis, den er nie bekommen sollte. Sein Werk ist vielschichtig und ähnelt sich doch immer wieder in wiederkehrenden Motiven: da ist das Thema der Liebe und der Frage, ob diese in einer Ehe und einer Familie verwirklicht werden kann. Es dominiert den Erfolgsroman Mein Herz so weiß und brachte ihm seinen bislang größten Erfolg ein. Immer wieder hat sich Javier Marías aber auch für ein Thema interessiert, das für die Gegenwartsliteratur und für einen Autor der klassischen Themen, zu dem er zweifellos gehört, auch eher unüblich ist: die Thematik des Geheimdienstes und des Agententums. Eine ganze Romantrilogie hat er unter dem Titel Dein Gesicht morgen in den Jahren 2002 bis 2007 zu dieser Thematik geschrieben und somit ein Feld in der Literatur eröffnet, das davor weitestgehend unerforscht und reinen Unterhaltungsautoren vorbehalten war. In seinen beiden letzten Werken, dem Romanpaar Berta Isla (Ersterscheinen 2017) und Tomás Nevinson (Ersterscheinen 2021), findet sich gewissermaßen das literarische Vermächtnis dieses Autors: die Kombination von Liebes- und Ehegeschichte und einer Geheimdienststory in einem zweiteiligen erzählerischen Werk.Man kann Berta Isla, in einer Übersetzung aus dem Spanischen von Susanne Lange bei S. Fischer erschienen, und Tomás Nevinson unabhängig voneinander lesen, wenn man sich zumindest im Groben über die Geschichte, die die beiden Romane verbindet, im Klaren ist. Man gewinnt allerdings eindeutig, liest man die beiden Romane in der chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens; nicht zuletzt deshalb, weil der erste Roman des Duos – Berta Isla – der bessere ist. Während der Roman Tomás Nevinson stark auf die Geschichte des titelgebenden Helden in seiner Verstrickung mit dem Geheimdienst fokussiert, steht in Berta Isla das eigentlich literarisch Interessante im Vordergrund, nämlich die Frage, was die Geschichte, die hier noch wiederzugeben sein wird, auf menschlicher Ebene mit den Protagonisten macht. Die Spanierin Berta Isla und der Anglo-Spanier Tomás Nevinson sind die Hauptfiguren und gleichzeitig auch das Liebespaar dieser beiden Romane. Sie lernen sich im Jugendalter auf dem Gymnasium Estudio in der Calle Miguel Ángel in Madrid kennen, wo sie zu den schönsten und beliebtesten in der Stufe gehören und zahlreiche Verehrer haben. Für die Durchschnittlichen sind sie allerdings unerreichbar und nähern sich bald einander an; es ist ein zarter, fast distanzierter Liebesumgang, den die beiden in ihren ersten Jahren miteinander pflegen, ohne sich körperlich wirklich näherzukommen. Dennoch spüren sie vom ersten Moment an, dass sie eine tiefe Liebe und der feste Wunsch, ein Leben lang beieinander zu bleiben, miteinander verbindet.Berta bleibt in Madrid um zu studieren, Tomás geht nach Oxford. An der Uni fällt er wegen seiner Zweisprachigkeit und seinem Talent, verschiedene Akzente nachzuahmen, früh nicht nur den Kommilitonen und Professoren auf. Der britische Geheimdienst wird auf ihn aufmerksam, wittert seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und möchte ihn als Undercover-Agent rekrutieren. Tomás lehnt ab, interessiert sich nicht für die große Welt und sucht in den 1960er Jahren an der Universität vor allem in der sexuellen Revolution seine eigene Freiheit und schläft mit mehreren, unterschiedlichen Frauen. Als der Verdacht auf ihn fällt, eine Geliebte, mit der er längere Zeit zusammen war, ermordet zu haben, steht er kurz vor einer Verhaftung. Nur die Erinnerung an das Angebot des britischen Geheimdienstes kann ihn vor dem Gefängnis retten. Er lässt sich auf das gefährliche Spiel ein, kehrt von Oxford nach Madrid zurück zu Berta, arbeitet allerdings nur zum Schein in der britischen Botschaft.Im Mai 1974 heiratet er seine Jugendliebe, die beiden bekommen zwei gemeinsame Kinder. Für Berta wegen seiner Tätigkeit für die Botschaft, in Wahrheit aber wegen seiner Verstrickung in die Operationen des Geheimdiensts, ist Tomás nur sehr selten bei seiner Familie und immer häufiger weg. Im Mittelteil, der den längsten des 650 Seiten umfassenden Romans darstellt und der von der Titelheldin Berta Isla selbst erzählt wird, lässt die Heldin an einer Stelle verlautbaren, dass sie glaubt, dass gerade diese Flüchtigkeit ihrer Ehe dazu beigetragen hat, dass die Liebe zwischen ihnen nicht verstummte. Ein bisschen so, als wären sie noch immer Teenager, die sich nur sporadisch sehen können, hält die lange Zeit des Wartens das Feuer der Liebe wach.Berta weiß nichts von den Tätigkeiten ihres Mannes und den Geheimoperationen, in die er verstrickt wird. Sie weiß auch nicht, als die Jahre vergehen und er ohne Ankündigung einfach nicht zurückkommt, dass er an anderer Stelle eine andere Frau geheiratet und eine neue Familie gegründet hat. Dass er einen falschen Namen trägt und vor dem Panorama politischer Umwälzungen in Spanien und Umgebung an vorderster Front an mehr als unsauberen Aktivitäten beteiligt ist. Wie Penelope steht sie nicht nur vor der Frage, ob ihre Kinder Waisen sind, sondern auch vor der, ob sie ein Leben lang in der Ungewissheit über den Verbleib ihres Mannes fristen oder nicht doch noch einmal heiraten, noch einmal neu anfangen möchte. Mit unvergleichbarer Brillanz schildert Javier Marías die lange Zeit des Wartens, das innere Ringen und all die offenen Fragen, die Berta Isla an ihren Mann hat und die – das ist der geniale Schachzug des Autors – für den Leser des Romans und somit der Gedanken von Berta Isla, längst beantwortet sind. Am Ende des Romans – es kann an dieser Stelle, da es einen Fortsetzungsroman gibt, ohne Probleme verraten werden – wird Tomás Nevinson zu seiner Frau Berta zurückkehren. Die Frau, neben der er einschlafen wird, die Familie, die er gegründet hat, ist allerdings eine andere als die vor zwanzig Jahren, mit einer Geschichte, in der er einerseits stets präsent war und die doch andererseits ohne ihn stattgefunden hat. Von dieser Tragik erzählt der Roman im Kern.Für alle Fans der Spannungsliteratur und für Befürworter komplexer, vielschichtiger Handlungsstränge ist Javier Marías immer ein gefundenes Fressen. Selbst dann, wenn er sich nicht für Agenten- und Geheimdienstgeschichten interessiert, sind seine Figurenkonstellationen niemals einfach zu durchblicken und die Handlung seiner Romane alles andere als linear oder einfach gefasst. Das Beispiel Odysseus – Tomás, Penelope – Berta ist nur eines für viele weitere literarische Anspielungen auf Vorbilder, die sich in beinahe allen Marías Romanen mal mehr, mal weniger präsent finden. Bei aller Komplexität und Vielschichtigkeit, die die Romane dieses spanischen Meisterautors immer bieten, haben sie eine Eigenart, die in dieser Form bei wohl keinem anderen Autor derart stark ausgeprägt ist: man muss weder die Anspielungen auf andere literarische Werke, noch das gesamte Figurenensemble und ihre inneren Verstrickungen durchblicken, um verstehen zu können, um was es im Roman geht und was er aussagen möchte. Marías ist ein Autor für beide „Sorten“ von Leser: jenen, die es mögen, bei einem Plot mitzuraten und zu rätseln und das vielschichtige Konstrukt Schicht für Schicht abzutragen und jenen, die von der Sprache und der Emotion getragen werden wollen und durch die Literatur die Vermittlung eines bestimmten Gefühls suchen.Marías schreibt in einem durchweg klaren Ton, der allerdings nie diverser poetischer Komponenten entbehrt. Es gibt emotionale Passagen, dezent erotische und auch traurige Episoden in Berta Isla – ein breites Panorama dessen also, was jede Liebesgeschichte ausmacht. Es geht aber auch um Geschichte und den Lauf der Zeit, der von unterschiedlichen Individuen auch auf unterschiedliche Weise wahrgenommen wird. Berta Isla erlebt z.B. den Falklandkrieg aus dem Jahr 1982 als unbeteiligte Beobachterin der historischen Veränderungen und der machtpolitischen Spannungen um sie herum. Tomás ist durch seine Tätigkeit beim Geheimdienst direkt involviert, schaut hinter die Kulissen und ist aktiver Teilhaber des Geschehens. Marías vermag es, durch die Perspektivwechsel beide Sichtweisen darzustellen und so ergreifend zum Ausdruck zu bringen, was es bedeutet, getrennt zu sein und doch auf derselben Welt mit denselben Ereignissen und Momenten, die zum Nachdenken anregen, zu leben.Die weibliche Perspektive der Titelheldin Berta Isla ist überzeugend eingenommen. Marías reflektiert sowohl ihre Sorgen und Ängste als auch ihre Wünsche und Träume und ihre Erinnerungen. Anders als Penelope ist Berta Isla allerdings nicht die ausschließlich treu wartende Frau, die sich für ihr Leben nichts anderes vorstellen kann als die ewige Trauer um den möglicherweise zeitlich begrenzten, möglicherweise ewigen Verlust ihres Ehemannes. Sie ist eine Penelope des 20. Jahrhunderts, mit demselben Hintergrund einer Ehe, aber vollkommen anderen Rückschlüssen für ihr eigenes Leben. Wie Tomás hatte auch sie in den Jahren, in denen ihr Jugendfreundin Oxford war, in Madrid mit einem anderen Mann ihre ersten sexuellen Erfahrungen gemacht und sich zu einer eigenständigen Frau entwickelt. Dass sie allein für die Kinder da sein muss, nimmt sie als Herausforderung in ihrer Biografie. Sie bedauert das Schicksal ihrer Kinder, macht ihre eigene Rolle allerdings nicht klein. Auch akzeptiert sie das unangekündigte Fortsein ihres Mannes nicht einfach. Sie stellt Nachforschungen an und spricht – wie wir als Leser erfahren – mit den richtigen Leuten, die allerdings Profi genug sind, ihr nichts von Tomás‘ Verbleib zu sagen.Auch dies ist wieder ein Beweis für die Genialität des Autors, der den Plot so bewusst konstruiert hat, dass er den Leser immer einen Schritt weiter geführt hat als seine Heldin. Weil wir wissen, was sie nicht weiß, können wir umso besser nachvollziehen, wie schmerzhaft es sein muss für eine Frau, die keinerlei Informationen über den Verbleib eines geliebten Menschen hat. Etwas fragwürdig erscheint die schnelle Akzeptanz von Berta Isla, als Tomás nach all den Jahren zurückkehrt. Dafür, dass sie an vielen Stellen als eine eigenständige Frau gezeichnet wurde, ist sie hier allzu sehr Penelope, die ihrem Odysseus ohne zu fragen zu vertrauen scheint und seine Geheimnisse akzeptiert.Bei allen Lobreden, die auf diesen Roman zurecht gesungen wurden, soll an dieser Stelle doch ein Kritikpunkt aufgemacht werden, der mit der Priorisierung von Marías im Plot zusammenhängt. Während die 650 Seiten neben der starken monologischen Passage von Berta Isla auch mit zahlreichen Details über das Leben von Tomás Nevinson, das ja eigentlich in seinem eigenen, darauffolgenden Roman genauer ausgebreitet werden sollte, erwähnt werden, bleibt eine Passage in der Liebesgeschichte der beiden Figuren weitestgehend unangetastet: der Anfang. Wir erfahren zwar von ihrer Jugend und davon, dass sie die schönsten und begehrtesten Personen der Stufe waren, lesen allerdings wenig über die ersten Jahre ihrer Liebe und darüber, wie sie sich wahrgenommen haben bzw. wie sich die Wahrnehmung nach der ersten längeren Trennung durch die Distanz Madrid-Oxford geändert hat.Nicht wichtig für den Plot, könnte man meinen, doch in Wahrheit ist gerade dieser Zeitraum der wichtigste, um Berta Isla in ihren Emotionen für Tomás verstehen zu können. An diesem Zeitraum hätte sich einiges entfalten und kontrastieren können in der Wahrnehmung der Frau gegenüber ihrem Ehemann – und es wäre die Episode im Leben der beiden gewesen, an der Marías ihre noch ungestörte Liebe hätte entfalten können, während doch alle nachfolgenden Jahre von einem düsteren Vorkommnis überschattet sind.Das Romanduett Berta Isla und Tomás Nevinson ist nicht nur ein für sich genommen hochinteressantes erzählerisches Unternehmen, sondern auch ein würdiger Abschluss, gewissermaßen die Krönung eines wegen seines unerwarteten Todes ungekrönten Königs der europäischen Gegenwartsliteratur. Marías hat es verdient, auch nach seinem Tod im Gedächtnis zu bleiben. Berta Isla ist zweifellos ein Roman, zu dem man gleich greifen sollte, wenn man Mein Herz so weiß gelesen hat.Auch vorhandene Rezensionen:- Mein Herz so weiß- Tomás Nevinson