Zeit der Verwandlung: München 1900 und die Neuerfindung des Lebens
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EAN 9783608986778

Zeit der Verwandlung: München 1900 und die Neuerfindung des Lebens

Hersteller: Klett-Cotta  ·  MPN: 6112657
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Produktbeschreibung

Zeit der Verwandlung | München 1900 und die Neuerfindung des Lebens | Stefan Bollmann | Buch | 2023

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Buchdoktor 18.03.2024 amazon.de
Über Franziska zu Reventlow und die Familien Pringsheim/Thomas und Katia Mann ist ausführlich geschrieben worden. Wie Felsen in der Brandung ragen sie aus Stefan Bollmanns Kultur- und Sittengeschichte Münchens zwischen 1887 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Um diese Pole ordnet Bollmann eine Vielzahl historischer Personen an, die in vielfältiger Weise miteinander verknüpft waren. Am Beispiel Hedwig Pringsheims (Thomas Manns Schwiegermutter und Tochter Hedwig Dohms)) erleben wir, wie Frauen wohlhabender bürgerlicher Herkunft neben ihrer Mutterrolle durch Sport neue Freiräume beanspruchten – eine entscheidende Rolle dabei lieferte die Entwicklung des Fahrrads mit Gummireifen. Als Gastgeberinnen literarischer Salons und „Tees“ knüpften Frauen wie sie Kontakte zwischen Künstlern, Autoren, Mäzenen, Verlegern u. a. prägenden Figuren des wilhelminischen Deutschlands.Hochinteressant fand ich, wie nach München strebte, was in Kunst und Literatur Rang und Namen hatte, um in der Liberalitas Bavariae alternative Lebensentwürfe auszuprobieren und für Frauenrechte einzutreten. Grenzen waren auszutesten in einer Epoche, die Frauen nicht an Kunstakademien zuließ und in der Homosexualität als therapierbare Störung galt. Das „intolerante, uniforme Berlin“, wie es Hedwig Pringsheim erlebte, war kurz vor der Jahrhundertwende in der Kunst- und Literaturszene abgeschrieben. Mit München konnte allenfalls Paris als Traumziel konkurrieren. Besonders stark muss der Drang nach Bayern in Lübeck ausgeprägt gewesen sein; denn gleich mehrere Figuren stammten aus der Hansestadt. Wir erleben Anita Augspurg und Sophia Goudstikker bei der Gründung ihres Fotoateliers Elvira, lernen den Monte Verità im Tessin als Zufluchtsort kennen und die Künstlerkolonie um Münter und Kandinsky in Murnau. Bollmann lässt zahlreiche prominente Namen auftreten und legt ihr Beziehungsnetz aus. Künstler treffen Mäzene oder Mentoren, Autoren und Übersetzer:innen zukünftige Verleger, Hypnose, Psychotherapie und psychische Erkrankungen gewinnen an Aufmerksamkeit. Wer wen liebt und wer seine schwangere Geliebte im Stich lässt (weil man für Emanzipation und gegen die patriarchale Ehe eintritt) nimmt einigen Raum ein.Stefan Bollmann lässt zwar Kritik und leichte Süffisanz anklingen, auf die sexuelle Ausbeutung junger Groupies beiderlei Geschlechts hätte er m. A. kritischer reagieren dürfen. Schon zu Beginn des Buches habe ich mich gefragt, wer in der Münchener Bohème am Ende die Zeche zahlen würde; wenn jeder sich durchschnorrt und alte mit neuen Schulden tilgt.Besonders interessiert hat mich die Begegnung von Malerei und Fotografie; über die Existenzgründerinnen Augspurg/ Goudstikker hätte ich gern mehr gelesen. Aus heutiger Sicht hochinteressant finde ich die Darstellung genderfluider Identitäten, gerade auch im Zusammenhang mit Malerei und Fotografie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermutlich wenigen Betrachtern bewusst gewesen sein wird. „Zeit der Verwandlung“ könnte durchaus als Beginn eines non-binären Zeitalters wahrgenommen werden. Das Buch lässt sich trotz seines umfangreichen Ensembles gut weglesen; ein Literaturverzeichnis regt zum Weiterlesen an.
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