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Dies war das erste Buch von Thomas Bernhard, das ich gelesen habe. Es hat mir sehr, sehr gut gefallen und in mir den Wunsch geweckt, weiteres von ihm zu lesen.Auf den ersten Seiten haben mich die Sätze überfallen wie überlange Reptilien. Es dauerte etwas, dieser "Tiere" Herr zu werden.Letztendlich hab ich die Sprache sehr gemocht. Die überlangen Konstrukte, in denen es vor Wiederholungen nur so strotzt, erinnern an das Plädoyer eines Juristen, der sich absichern möchte, und zwar jederzeit, weil er Widerspruch gewohnt ist und jederzeit mit diesem rechnet. Mit mir nicht !!, sagt er, denn es geht um seine ureigensten Erinnerungen und Gefühle, die er pedantisch rekonstruierend aufruft. Er jammert niemals, er übertreibt mit Sicherheit nicht und spielt nicht herum. Also hat ihm auch niemand reinzupfuschen. Dies ist der Ton.Zum Inhalt: Ich war schon oft im Krankenhaus, aber die Zustände Ende der Vierziger, die Bernhard beschreibt, sind speziell. Besonders, da er so jung, seine Krankheit lebensbedrohlich und sein über alles geliebter Großvater gleichzeitig im selben Krankenhaus war.Dennoch dachte ich manchmal, daß es etwas für sich hat, Zeit in einem sog. "Sterbezimmer" zu verbringen. Denn er hat ausreichend Gelegenheit, andere beim Sterben zu beobachten. Das ist sehr plastisch, man könnte auch sagen, typisch österreichisch morbid. So kraß eine solche Erfahrung sein mag, so sehr muß man sich auch fragen, warum diese heutzutage - also das Sterben - so ausgeblendet ist. Die Krankenhäuser geben sich natürlich ein ganz anderes Image. Wie sieht es hinter den Kulissen aus ?Gewonnen hat mich Bernhard mit seiner Sicht auf Ärzte und Pfaffen. Das ist trotz aller bemühten Sachlichkeit so schön wutgeladen, so konsequent und - zu Recht - kompromißlos auf den Punkt gebracht.Ich kann das Buch nur empfehlen. Es könnte noch mal nützlich sein:-), auch wenn es aus medizinischer Sicht etwas überholt sein mag, ist es das aus menschlicher Sicht gewiß nicht.
Wer Thomas Bernhard mag, weiß v.a. dessen Sprachkunst zu schätzen. Das Besondere ist, dass - bei anscheinend großer Umständlichkeit der Gedanken, welche meist extensiv hypotaktisch dargestellt werden - stets eine ungeheure sprachliche Genauigkeit vorliegt. Bernhard denkt und erzählt mit einer eigentlich atemberaubenden Präzision, in einer unnachahmlichen Klarheit, die einerseits Ausdruck höchster Sachlichkeit ist, zugleich aber auch das Innerste der erzählenden Person derart deutlich hervortreten lässt, dass einem beim Lesen in der Tat fortwährend ein kalter Schauer über den Rücken geht. Andererseits wird in der oftmals verkomplizierten Syntax auch eine Verschleierung des Eigentlichen, des persönlich Erlebten erkennbar, also ein Symptom der grundsätzlichen "Erbärmlichkeit" und "Apathie" des Menschen, die hier nicht nur Objekten, also den Mitmenschen, gilt, sondern in erster Linie dem darstellenden Subjekt selbst. Somit gelingt Bernhard durch die ungeheuer ausgefeilte Präzision seiner Erzähltechnik tiefste Introspektion des Menschen (bei großer autobiografischer Bedeutsamkeit der Thematik) und zugleich höchste Abwesenheit oder Gleichgültigkeit, - eine "Außenwelt der Innenwelt", was in dem beschriebenen Zustand, der tödlichen Krankheit, möglicherweise eins ist. Wirklich jeder Satz dieser Prosa hat mich überwältigt!
Der junge Erzähler (18 Jahre) hat den Winter über eine Grippe verschleppt und wird mit einer fatalen, lebensbedrohlichen Lungenentzündung ins Hospital eingeliefert, folgt somit dem Wege seines vor kurzem dort eingelieferten Großvaters, zu dem er ein inniges Verhältnis hat. Von den Ärzten und Schwestern als hoffnungsloser, dem Tode geweihter Fall abgeschrieben wird er zu den Schwerstkranken in einen Saal gelegt, dessen grausame, maschinenartige Betriebsamkeit Bernhard mit unerhörter Brillianz schildert. Der Erzähler straft die sonst unfehlbare Einschätzung der Schwestern und Ärzte Lügen und wird in einem schleppenden Prozeß gesund, schließlich verlegt man ihn in eine Klinik für Lungenkranke, wo er sich an der offenen Tuberkulose eines Mitpatienten infiziert und - das ist dann das Ende der Handlung - in eine Tuberkuloseklinik verlegt wird. Bernhard ist eine herausragende Schilderung des Krankheits- und (einstweiligen) Genesungsprozeßes eines jungen Menschen gelungen, seine Schilderungen eines Salzburger Spitals zur Nachkriegszeit könnten durchaus als ein Stück Medizinhistorie gelten. Trotz dieses anfänglichen Erfolges der Behandliung sieht Bernhard sowohl Schwestern als auch die behandelnden Ärzte sehr negativistisch, schreibt seine Gesundung einfach seiner Willenskraft zu, die ihn trotz des Versagens aller ihn umgebenden Menschen gerettet hat, eine Ansicht, die zwar für den Literaten zulässig ist, aber die Darstellung doch arg vereinfacht. Auffallend ist das Fehlen von direkter Rede im gesamten Roman, was jedoch keineswegs eine Schwäche darstellt. "Der Atem" ist sicherlich kein Buch, daß uneingeschränkt Freude macht, zu drastisch sind die Schilderungen von Tod, Zerrüttung und der Brutalität der angewendeten (wie mir scheint stets sinnvollen) medizinischen Maßnahmen. Wer aber Bücher wie z.B. "Hunger" von Knut Hamsun oder aber Franz Kafka schätzt und verehrt, dem sei Bernhard und sein "Atem" als Pflichtlektüre ans Herz gelegt. Ein kleines aber feines Stück österreichische Erzählkunst.
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Letzte Aktualisierung: 28.09.2026 18:10 Uhr.