Giorgio Vasaris Künstlerviten sind die ersten ernstzunehmenden Versuche einer Kunstgeschichte und insbesondere die Biografien der Protagonisten der italienischen Renaissance gehören bis heute zu den wichtigsten Sekundärquellen, in denen oft Details berichtet werden, die sonst nirgendwo überliefert sind. Durch die vielen Anekdoten und den im wahren Sinn mitreißenden Erzählstil waren die Viten lange Zeit ein Bestseller, bis spätestens im 18. Jahrhundert, mit dem Beginn des Primärquellenstudiums, viele Diskrepanzen und auch Fehler insbesondere bei den Künstlern des Trecento auffielen und Vasari als Lügner und Aufschneider verunglimpft wurde. Erst im 20. Jahrhundert wurde dieses Urteil revidiert und so gilt Vasari heute für die Zeit des 16. Jahrhunderts als eine relativ verlässliche Quelle.Seine enge Freundschaft mit Michelangelo spiegelt sich ganz besonders in der geradezu hymnischen Verherrlichung seiner Werke wider. Vasari war, wie viele seiner Zeitgenossen, der Meinung, dass die Kunst der Antike unübertroffen gewesen sei, indem sie die Natur als ideales Vorbild nahm. Diese Kenntnisse seien über ein Jahrtausend verloren gegangen und erst mit Giotto beginnt das Wiedererwachen der alten Fähigkeiten, die in Michelangelos Werk kulminieren. Michelangelo brilliert in allen Künsten: Der Malerei, der Bildhauerei und der Architektur, die Vasari auf eine Ebene stellt (ein im Übrigen seit 1500 Jahren heiß diskutiertes Thema). Seiner Meinung nach übertrifft Michelangelo die antiken Künstler sogar noch, womit seiner Theorie nach, der unvermeidliche Abstieg bereits eingeleitet ist. Anders als heute sah Vasari die Kunst als Zyklus und er sich als Zeitgenosse eines Gipfels der Kunstfertigkeit.Da seine Ausführungen nicht immer bis in alle Details korrekt sind (oder in einigen Fällen auch grundfalsch), sind die Künstlerviten ohne eine Kommentierung als Faktensammlung ungeeignet. Hierzu gibt es bereits eine geradezu ausufernde Literatur und die von Alessandro Nova herausgegebene 45-bändige Fassung ist das derzeit umfangreichste Werk hierzu. Die Manesse-Ausgabe hat die Kommentierung entsprechend auf das Notwendige beschränken müssen, also die Lebensdaten und Kurzbiografien der erwähnten Personen, sowie eine Korrektur der relevanten Fehler. Es werden zwar keine Quellenangaben gemacht, die Auswertung entspricht aber im Wesentlichen dem Kenntnisstand von 1970. Dieser unterscheidet sich jedoch kaum vom heutigen, wenn man die Eindringtiefe des Kommentars berücksichtigt. Es ist eine Lese-, keine Studienausgabe.Vasari begeistert auch heute noch, vor allem, weil er selber von der Kunst und den Künstlern begeistert war. Das spricht aus jeder seiner Zeilen, auch wenn manchmal das italienische Temperament mit ihm durchgeht. Der Thron, auf den er Michelangelo setzt, kann gar nicht hoch genug sein und so schließen seine Viten auch mit dem großen Meister. Danach, davon war Vasari überzeugt, kann es nur den Abstieg geben.
Ich bin von dem Buch - das im übrigen sehr schön gemacht und mit großer bibliographischer Sorgfalt herausgegeben wurde (exzellentes Nachwort des Herausgebers), dennoch enttäuscht. Wieder handelt es sich nämlich nur um eine Auswahl aus Vasaris umfangreichem Werk, nicht um eine Gesamtausgabe. Leider wird dies aber nicht so kommuniziert, bzw. findet sich in der Ankündigung nirgendwo ein Hinweis darauf. Die hohe Seitenzahl (mehr als 700) ließ mich glauben, dass es sich bei diesem Buch um eine Gesamtausgabe handelt, was aber leider nicht der Fall ist. Eine deutschsprachige Auswahl besitze ich bereits.