Im Herbst 1923 traf Franz Kafka in einem Berliner Park auf ein weinendes kleines Mädchen. Das Mädchen hatte ihre Puppe verloren und war sehr traurig. Da erwachte eine Idee in dem Schriftsteller und er schrieb drei Wochen lang Briefe im Namen der Puppe an dieses Mädchen.Soweit zu den Tatsachen. Dora Diamant, die letzte Geliebte Kafkas berichtete davon. Die „Puppenbriefe“ sind allerdings nicht erhalten.Diese Anekdote aus dem Leben des großen Schriftstellers ist die Inspiration zu diesem Buch. Dieses Buch ist eine Geschichte. Sie ist erfunden, „wobei es nicht wichtig ist, ob eine Geschichte wahr ist, oder nicht. Wichtig ist, dass sie stimmt.“ (S. 11; Zitat aus Königskinder, Camus, Alex)Drei Wochen erhält das Mädchen Briefe und lernt dadurch mit ihrem Verlust umzugehen. Sie soll ihre Puppe nicht vergessen, sie soll sie in ihrem Herzen behalten. Nur der Schmerz darf langsam weichen. Die Briefe sind äußerst einfühlsam, manchmal moralisierend, aber das wird von dem Mädchen sofort kritisiert, manchmal lyrisch, manchmal belehrend.Die Briefe sollen das Mädchen inspirieren, ihre Träume zu leben, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und sich ihr Kind-sein erhalten, auch wenn sie älter wird.Auch den Briefeschreiber verändern diese kleinen Texte. Sie wecken das Kind in ihm, lassen ihn erinnern und sich mit seiner Endlichkeit auseinandersetzen. Der damals schon erkrankte Kafka spürt, dass seine Kräfte schwinden und sein Körper ihn langsam in Stich lässt.Der Autor hat eine Möglichkeit geschaffen. Er zeigt den Schriftsteller von einer Seite, die er vielleicht so leben konnte.Die Erzählung und die Gespräche mit Dora sind immer wieder versetzt mit Zitaten aus den Tagebüchern Kafkas. Das verleiht dem Text einen gewissen Grad an Authentizität, obwohl die Novelle an keiner Stelle den Anspruch an Wahrheit erhebt. Von Anfang an stellt der Autor klar, dass seine Geschichte erfunden ist. Trotzdem ist es eine einfühlsame Möglichkeit, wie diese Begegnung abgelaufen sein könnte.Und ich bin froh, diese Möglichkeit kennen gelernt zu haben. Das Buch ist wunderschön, poetisch und verleitet dazu, das eigene innere Kind zu wecken und die Welt wieder einmal mit Kinderaugen zu betrachten. Die Briefe bauen immer auf die Begegnung vom Vortag auf und bereiten das Kind auch auf den Abschied vor.„Ja, sie ist noch das Kind, das seine Puppe vermisst, worüber sie anfangs todtraurig war, aber diese Traurigkeit ist einem neuen Gefühl gewichen, einem Gefühl der inneren Verbundenheit, das in ihr zu erwecken ihm gelungen ist.“ (S. 207)Die Unverlorene ist ein wahres Kleinod. Eine Geschichte, die man nicht zu schnell lesen darf, die man etwas sacken lassen muss und eine Geschichte, die man immer wieder zur Hand nehmen kann. Ich habe diese Novelle unglaublich gerne gelesen und empfehle dieses Buch allen, die Sinn für Poesie und eine mögliche Variante der Wirklichkeit verspüren.