Über den Autor und sein Schicksal wurde bereits viel geschrieben, für mich ist klar, dass es sich bei Rolf Peter Sieferle um eine der wichtigsten und bedeutendsten Gelehrten der Bundesrepublik handelte, eine Stellung, die ihm zu Lebzeiten jedoch ungeheuerlicherweise niemals zukam. Auch ich selber kann mich da nicht ausnehmen, denn als dieses epochale Werk 1994 erstmals veröffentlicht wurde, habe ich dies, wie leider wohl so viele andere auch, nicht einmal mitgekriegt. Es ist dem Landtverlag und dem Herausgeber Thomas Hoof zu verdanken, dass "Epochenwechsel - Die Deutschen an der Schwelle des 21. Jahrhunderts" 2017 in einer überarbeiteten Version neu veröffentlicht wurde.Auf 500 Seiten inklusive eines umfangreichen Nachwortes von Hoof, begleitet man Sieferle durch eine Tour de Force, unglaublich, an wie vielen Themen und Bereichen sich der Autor dabei abgearbeitet hat, ein Universalgelehrter im allerbesten Sinne. Eingeteilt in 7 Hauptkapitel und diverse Unterkapitel seziert Sieferle auf kühle und rationale Art und Weise die kommenden Umbrüche, nachdem das jahrzehntelange Gleichgewicht zwischen den Machtblöcken in Ost und West ab 1989 ins Rutschen kam. Dabei webt der Autor unzählige Einzelinformationen zu einem dichten Geflecht und destiliert daraus einen Blick in eine alles andere als erstrebenswerte Zukunft. Sieferle erkannte bereits vor mehr als zwanzig Jahren, dass das "Europäische Modell" über kurz oder lang zuerst ins Stottern kommen wird (da stehen wir mittlerweile) und dann in Chaos und Zerfall endet. Dabei sind seine Schlussfolgerungen so wohlbegründet und anhand so vieler Fakten dokumentiert, dass es einem manchmal während des Lesens sprichwörtlich eiskalt über den Rücken läuft.Dazu ein paar passende Zitate aus dem Werk:"Reichtum und Luxus der Zivilisation locken gierige Barbaren an, welche zur Plünderung entschlossen und mit einer archaischen Heldenmoral ausgestattet sind. Der verweichlichte Zivilisierte besitzt nicht mehr den Selbstbehauptungswillen, welcher zur Verteidigung notwendig wäre. Zudem hat er als Individualist die Fähigkeit verloren, zwischen dem eigenen und einem fremden Volk zu unterscheiden." (S. 231)"Der Steuerstaat muss ein wachsendes, immer kostspieligeres parasitäres Sozialsystem alimentieren, wobei die Resourcendecke der zerbröckelnden Nationalökonomie immer knapper wird. Die Mobilisierung von Vermögen durch Besteuerung und Abgaben verwandelt Kapital in Konsum. Diese schleichende Enteignung der Minderheit globaler Leistungsträger verschlechtert die industriellen Standortbedingungen auf dem Territorium, welches der Nationalstaat zu kontrollieren versucht. Die Ansprüche an ihn gewinnen an innenpolitischem Gewicht, während seine realen Handlungsmöglichkeiten schwinden. Er packt diejenigen, welche ihm zugänglich bleiben, und reißt sie in den Strudel des Untergangs hinein." (S. 281)"Indem die Demokratie allen Menschen gleiche politische Rechte zugesteht, erkennt sie alle als prinzipiell gleiche Individuen an. Die Individuen aber wollen zwar in polemischer Absicht "gleich" sein, sofern es um den Abbau von Sonderrechten fremder Individuen geht; in einer anderen polemischen Absicht wollen sie jedoch auch "ungleich" sein, nämlich dann, wenn die Besonderheit ihrer eigenen Individualität anerkannt werden soll. Der Prozess der Emanzipation und Egalisierung richtet sich daher auf ein paradoxes Ziel: Er will eine Gesellschaft von Gleichen einrichten, die alle von extremer Besonderheit sind." (S. 396)"Die heutigen Einwanderer bilden prinzipiell nur die Vorhut eines Massenzustroms, der in dem Maße anschwellen wird, wie sich die globalen Entwicklungsperspektiven verdüstern. Dieser Zustrom besitzt keine natürliche Obergrenze, sondern er ist Ausdruck der explosiven Offenheit und Instabilität, welche die humanökologischen Systeme der Gegenwart generell zeigen. Es würde umgekehrt große Schwierigkeiten bereiten, wolle man die Grenzen der Aufnahmefähigkeit für Einwanderer in ein bestimmtes Industrieland, etwas die Bundesrepublik festlegen. Läge diese Grenze bei fünf Millionen, fünfzig Millionen, bei fünfhundert Millionen?" (S. 418)Wohlgemerkt - Sieferle schrieb diese Zeilen vor mehr als zwanzig Jahren!!!!"Die bundesrepublikansiche Einwanderungslobby, die sich vom links-liberalen Juste milieu über bestimmte Kirchenkreise bis in radikale Dritte-Welt-Sekten hinein erstreckt, bezieht ihre Legitimation von einem Paradox, das sie nach der universalistischen Seite hin auflösen möchte, bei stummer Ignoranz der Konsequenzen. Die gesinnungsethischen Befürworter einer grenzenslosen Einwanderung in die Wohlstandszonen verfolgen das Programm einer direkten politischen Realisierung des humanitären Universalismus." (S. 447)Ich neige mein Haupt vor dieser Geistesgröße, Sieferle hat alle wesentlichen Spannungsfelder der heutigen Situation in Europa bereits vor mehr als zwanzig Jahren zu Ende gedacht. Und er kam zu dem frustrierenden Schluss, dass wir nicht mehr wehrhaft genug sind und uns der Wille zur Selbstbehauptung verloren ging. Für Sieferle gab es bereits vor langer Zeit kein "happy end" mehr, mit ein Grund vielleicht, für seine Entscheidung, 2016 freiwillig aus dem Leben zu scheiden.Würden unsere "Politiker" ihren Job tatsächlich ernst nehmen, so würde dieses eine fundamentale Buch ausreichen, um ihnen den Irrsinn ihres falschen Weges aufzuzeigen und sie zu sofortiger radikaler Korrektur anzuleiten. Doch so wie Sieferle halte auch ich das für einen naiven Wunschtraum. Aber zumindest gibt es mittlerweile eine politische Alternative. Diese bleibt meine letzte Hoffnung. Danke, Rolf Peter Sieferle,Sie werden immer einen Platz in meinem Herzen haben.
Dieser umfangreiche erste Band aus dem Gesamtwerk Rolf Peter Sieferles enthält eine sozialwissenschaftliche Tiefenanalyse der deutschen Gegenwart. Der "Epochenwechsel", symbolisch verdichtet im Untergang des Sozialismus 1990 aber weit über diesen hinausgehend, legt den Fokus auf den Niedergang der Nationalstaaten und das Heraufziehen der Globalisierung. In den Blick geraten nicht nur die politischen, sondern auch die weltanschaulichen, historischen, ökonomischen, ökologischen, sozialen, kulturellen und psychischen Folgewirkungen dieser tiefen Zäsur. Obwohl bereits 1994 geschrieben, hat es doch nichts an Aktualität eingebüßt.Der Autor entwickelt zunächst, wie die traditionelle christlich-abendländische Kultur (mit einem kurzen Zwischenspiel der "bürgerlichen Kultur") von einem Zeitalter der "Realtranszendenz" abgelöst wurde, welches das einst kosmisch-stationäre Jenseits zu einem künftigen Diesseits verzeitlichte. Er erläutert kenntnisreich die ideologischen Großprogramme von Universalismus und Partikularismus und die sie tragenden realpolitischen Gesellschaftsformationen: Liberalismus, Sozialismus, Nationalismus. Als Ergebnis der Urkatastrophe des I. Weltkrieges entstand die sich selbst organisierende, hochstrukturierte, alleine objektiven Imperativen folgende "systemische Gesellschaft".Sieferles geostrategische Überlegungen zur unterschiedlichen Ausgangslage von Seemächten und Kontinentalmächten sowie seine Aufschlüsselung der aus der deutschen "Vergangenheitsbewältigung" resultierenden widerspruchsvollen Implikate sind von einzigartigem Wert.An die Stelle "normenintegrierter" Gesellschaften, in denen gesellschaftlicher Zusammenhalt durch die Entfaltung von "Tugenden" hergestellt wird, sind in der Gegenwart "systemintegrierte" Gesellschaften getreten, in denen das Gemeinwohl von formellen Verfahren im Rahmen objektivierender Institutionen erfüllt wird, etwa dem "Markt" oder der "Öffentlichkeit". Als Ergebnis eines umfassenden Entzauberungsprozesses der traditionell-normativen Welt sind sie relational und erfüllen nur "Funktionen". Die gegen diese Entwicklung entstandenen Widerstände - die "Herrschaft der Vernunft" und die "Rebellion des Lebens" erörtert der Autor detailliert und mit großer argumentativer Schärfe.Es folgen Betrachtungen zum Nationalstaat und seiner Hervorbringung, dem Sozial- und Wohlfahrtsstaat, der im Zuge der Globalisierung zunehmend unter Druck gerät. Globalisierung bedeutet, daß sich ökonomische Strukturen zunehmend entterritorialisieren und entnationalisieren. Auf Geld- und Finanzströme, wissenschaftliche Forschungsergebnisse, technische Innovationen oder Kenntnisse usw. hat der Nationalstaat keinen Zugriff mehr. Das hat innenpolitische wie außenpolitische Globalisierungsgewinner und Globalisierungsverlierer zur Folge.Die beiden Abschnitte "Die Politisierung der Technik" und "Fronten der Umweltpolitik" alleine bieten eine solche Fülle unermeßlich wertvollen (und wenig geläufigen) Hintergrundwissens, wie es normalerweise nur in fachspezifischen Monographien zu erwarten ist.Im Abschlußkapitel "Die Grenzen des Universalismus" vertieft Sieferle den Grundkonflikt zwischen ethischem bzw. "humanitärem" Universalismus und der "Emanzipation der Besonderen". Es entwickelt sich ein symbolisches Feld entlang der Extreme "Nivellierung" und "Selbstbehauptung". Der reale humanitäre Universalismus steht und fällt mit der Möglichkeit materiellen Fortschritts zu immer größerem Wohlstand. Sowohl die demographische Dynamik in den Ländern der Dritten Welt als auch die Unüberwindlichkeit natürlicher ökologischer Schranken stehen aber einer weltweiten Industrialisierung nach dem Vorbild der westlichen Konsumgesellschaften entgegen. Die strikt universalistische Position kann nur gerettet werden, wenn der materielle Lebensstandard der Industrieländer auf den der Dritten Welt abgesenkt wird.Es ist nicht möglich, im Rahmen einer Rezension auch nur einen oberflächlichen Eindruck von dem Gedankenreichtum und der argumentativen Klarheit zu vermitteln, die in diesem Werk geboten werden. Obgleich der Gegenstand "schwierig" ist, schafft Sieferle es dennoch, seine Analysen in allgemeinverständlicher Sprache vorzutragen, so daß das Buch auch Lesern ohne wissenschaftliche Vorkenntnisse bedenkenlos empfohlen werden kann. Um den vollen Nutzen aus ihm ziehen zu können, halte ich allerdings den Erwerb des Werkes für zwingend erforderlich, denn (einmaliges) "Lesen allein genügt nicht"!
Da die älteren Rezensionen bereits einen guten Eindruck auf inhaltlicher Ebene geben, soll ein emotionaler Eindruck an dieser Stelle genügen.Beim Lesen des Buches gerät man stellenweise ins Staunen. Die Frage kommt auf, wie sich so ein Fundus an Wissen überhaupt aufbauen lässt - und wo er noch zu finden ist. Die Verknüpfung von Sozial-, Kultur-, und Wirtschaftswissenschaft erfolgt spielend, während die Prognosen treffsicher den Status quo beschreiben und nichts Gutes hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung erahnen lassen.Das Buch hat mich tief beeindruckt. Die Einsichten, die aus dem Verständnis des Textes gewonnen werden können, sind möglicherweise lebensrettend, sollte der Behemoth den Leviathan letztlich zum Erliegen bringen.