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Die Krise der modernen Welt | René Guénon | Buch | 190 S. | Deutsch | 2020 | Matthes & Seitz Verlag
Bewertungen & Erfahrungen
4,6 von 5,0
5 Bewertungen
5 ★3
4 ★2
3 ★0
2 ★0
1 ★0
Verteilung basiert auf 5 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion29.07.2026
testmonster.de · Redaktion
Ein tiefgründiges und provokantes Werk, das die Notwendigkeit kontemplativer Tiefe in unserer hektischen Zeit sehr anspricht, wenngleich der Inhalt für manche Leser sehr dicht ist.
Nach der vollkommen unbrauchbaren Übersetzung aus dem Jahre 1950 („Die Krisis der Neuzeit“) liegt jetzt endlich eine sehr gute Übersetzung vor, wofür man dem Verlag nur danken kann. Ein schlicht und schmuck gestaltetes kleines Bändchen. Einziges Minus: die Fußnoten sind ans Ende des Büchleins gestellt worden, was etwas unpraktisch und umständlich, aber keine große Katastrophe ist. Insgesamt sehr gelungen. Hoffentlich folgen weitere Übersetzungen!
Ein wenig überspitzt ließe sich formulieren, Prognosen über das Ende des Westens seien so alt wie der Westen selbst. Auch heute lesen wir wieder über den Kampf zweier Systeme – Westen gegen Osten -, in welchem erstgenanntes die Prinzipien von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freihandel und individueller Freiheitsrechte hochhalte, welches sich des östlichen Kollektivismus und Autoritären zu erwehren habe. Lange Zeit verkörperte die Sowjetunion das östliche Prinzip, heute ist es China. Fragen des Ökonomischen und der Anspruchsrechte des Individuums zu moralischen Kategorien zu erheben, ist an sich schon eine genuin westliche Perspektive der Nachkriegsära, die sehr viel über unsere Prioritäten und noch mehr über unsere Leerstellen verrät. 1927 veröffentlichte der französische Esoteriker und Traditionalist René Guénon sein bis heute rezipiertes Werk "Die Krise der modernen Welt", das den Niedergang des Westens im Verlust des Geistig-Spirituellen und der damit einhergehenden Dominanz des Rational-Technischen begründet sieht.Hat die Zeit Guénon nicht widerlegt? Der Westen, angeführt von den USA, dominiert immer noch das Weltgeschehen, hat den Systemkonflikt mit den Sowjets für sich entschieden, so daß Abgesänge angesichts des chinesischen Machtstrebens mal wieder mehr als verfrüht erscheinen. Wer so denkt, verkennt die zeitlichen Dimensionen sowie die Kategorien, in denen Guénon denkt. Sein Ideal ist die traditionalistische Gesellschaft, organisch aufgebaut, und alle Lebensbereiche durch ein übergeordnetes geistiges Prinzip – zumeist religiöser Natur - zu einem Ganzen verbindend. Schon die Reformation, so der Autor, bedeute einen Bruch dieses Prinzips, wobei der Erfolg von Luthers Lehre nicht Ursache, sondern vielmehr bereits Folge eines traditionsfeindlichen Bewußtseinswandels gewesen sei. (vgl. S. 88 f.) Die Herauslösung des Individuums aus dem organischen Ganzen – Ergebnis von Renaissance und Reformation – markiert für Guénon den Ausgangspunkt der Krise, dem er sein Buch widmet; alles andere seien bloß nachgeordnete Aspekte. Als Heutiger ist man dazu geneigt, des Autors Thesen reflexartig als reaktionäres Geschwurbel zu verdammen. Liegt unsere Stärke nicht gerade im individualistischen Lebensstil begründet? Würden wir freiwillig auf unsere für selbstverständlich genommenen Freiheitsrechte verzichten? Hier sollte sich jeder zwingen, einen Blick von außen auf das eigene Weltbild im Vergleich zu anderen zu werfen. Kulturen, die den traditionalistischen Prinzipien Guénons durchaus entsprechen, gibt es heute auch: China und der Islam, zusammen also knapp drei Milliarden Menschen. Hier wird die ideologische Absolutsetzung des Prinzips Individualismus als westlicher Fetisch gesehen, der schwach, egoistisch und unfähig zur Verteidigung und Selbstbehauptung mache. Faktoren wie die Bevölkerungsentwicklung sprechen da eine klare Sprache. Können wir im Westen wirklich sicher sein, im Abschied von verbindlichen geistigen Prinzipien zugunsten der maximal möglichen Freiheitsgewinnung des einzelnen die richtige Wahl getroffen zu haben, die uns langfristig überlebensfähig macht? Daß maßgebliche Vertreter dieses Weltbildes sich zunehmend darauf beschränken, nach innen und außen moralisch zu diskreditieren statt machtpolitisch zu argumentieren und handeln, ist kein Zeichen von Selbstbewußtsein und Stärke und läßt einen angesichts der Vitalität der genannten traditionalistischen Kulturen Schlimmes für die Zukunft befürchten.Guénon zog die entsprechenden Lehren aus seinen Beobachtungen, konvertierte zum Islam, heiratete 1934 eine islamische Analphabetin und starb als Abdel Wahid Yahia 1951 in Kairo. Ost und West, traditionell und modern, ganzheitlich und individualistisch – heute mehr noch als vor knapp 100 Jahren erweisen sich Guénons Kategorien als überaus ergiebig zur Analyse sowohl der globalen Großkonflikte als auch zum Verständnis der aktuellen Kulturkämpfe innerhalb westlicher Gesellschaften.
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Letzte Aktualisierung: 03.10.2026 18:08 Uhr.