Der zweite der vier Joseph-Romane endet mit des Protagonisten Verkauf in die Sklaverei. Erschienen 1933 und 1934, konnten die ersten beiden Teile noch in Deutschland verkauft werden, waren jedoch bereits häufig Gegenstand hasserfüllter Rezensententätigkeit im Namen der neuen Zeit. Auch "Jospeh in Ägypten", der 1936 dritte veröffentlichte Band, lag noch in den deutschen Buchläden aus, wurde jedoch von der hiesigen Medienlandschaft komplett ignoriert. Der abschließende Band "Joseph der Ernährer" erschien 1943 in Schweden, war auch in der neutralen Schweiz erhältlich und feierte ab 1944 vor allem in den USA – seit 1938 Thomas Manns neue Exil-Heimat – große Erfolge. In Deutschland erschien er erstmals im Sommer 1949. Die teils dramatische Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Josephs-Tetralogie ist im ersten Kommentarband detailliert widergegeben. Der hier besprochene zweite Schuber der Frankfurter Ausgabe umfasst die beiden abschließenden Romane in einem Band zusammengefasst. Der zweite Kommentarband enthält – neben den obligatorischen fortlaufenden Texterläuterungen – Thomas Manns für die Entstehung der Romane relevanten Arbeitsnotizen, Abdrucke des zu Rate gezogenen Sagenmaterials mit des Autors Unterstreichungen und Anmerkungen, ein Orts- und Namensglossar sowie ein detailliertes Verzeichnis aller erwähnten Personen und Werke.Ein Mythos wird vermenschlicht, zu einem "Fest der Erzählung" – so heißt es in der dem ersten Roman vorangestellten Höllenfahrt-Ouvertüre – gestaltet. Waren "Die Geschichten Jaakobs" und "Der junge Jospeh" noch größtenteils im heutigen Nahen Osten – Israel, Irak, Syrien, Jordanien – angesiedelt, wird nun Ägypten zum fast ausschließlichen Ort des Geschehens. Gebannt verfolgen wir Josephs Karriere vom Sklaven zuerst zum Hausvorsteher an Potiphars Hofe, bevor er nach einem vorläufigen Absturz als Pharaos Mund zum zweitmächtigsten Mann im Staate aufsteigt. Die Geschichte ist bekannt, selbst bibelfernen Zeitgenossen sind mit ihr in Grundzügen vertraut. Mann gestaltet sie zu einer Art Bildungs- und Schelmenroman mit Anklängen an den uramerikanischen "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Mythos. Selbst in düster-abgründigen Momenten durchzieht eine Grundstimmung der ironischen Heiterkeit die gesamte Tetralogie, wird jedoch im dritten Roman – nach Meinung des Rezensenten dem absoluten Höhepunkt der Reihe – zur Perfektion gebracht. In "Joseph in Ägypten" erklimmt Joseph schnell die Karriereleiter und wird Hausverwalter bei Potiphar, einem recht hochrangigen, doch machtlosen Mitglied in Pharaos Entourage. Im Zentrum der Handlung steht die zunehmend wahnhafte Liebe von Potiphars Frau zu Joseph. Das Alte Testament berichtet recht lapidar in wenigen Sätzen von diesem Geschehen, welches für Joseph mit Verleumdung und Gefängnis endet. Thomas Mann gab der in der Vorlage namenlos Gebliebenen einen Namen – Mut-em-enet – und schuf mit ihr den eindrucksvollsten Charakter der Reihe. Mit Wonne und gespielter Betroffenheit berichtet der notorisch unzuverlässige Erzähler von den immer aggressiver werdenden Nachstellungen der von Liebe und Lust zerrissenen alten Jungfer – Potiphar ist auf abgründigen Wegen bereits als Baby zum Eunuchen gemacht worden -, welche in der Bibel im eindeutigen "Schlafe bei mir"-Angebot an den sich tapfer seine Keuschheit verteidigenden Joseph kulminieren. Wie Thomas Mann diesen Moment glaubhaft inszeniert und dabei ironisch bricht, bildet einen einsamen Höhepunkt deutscher Erzählkunst bis zum heutigen Tage.Insgesamt knapp 2000 Seiten Roman plus mehr als 2000 Seiten Kommentar – die schiere Masse wirkt auf den heutigen reizüberfluteten Zeitgenossen erst einmal abschreckend. Bei aller Ehrerbietung, die Thomas Mann völlig zu Recht entgegengebracht wird, gerät das Wesentliche oftmals in Vergessenheit: Seine Romane sind keine schwere Kost, er ist der Erzähler des Heiteren im menschlich-allzumenschlich Abgründigen, der Charaktere und Momente für die Ewigkeit erschuf. Zu seiner Stilfähigkeit habe ich bereits bezüglich der ersten beiden Bänden geschrieben: Mit ihm hat die deutsche Sprache ihren niemals zuvor erreichten und niemals wieder zu erreichenden Zenit erklommen. Das wird heute häufig mit "Das ist dann bestimmt völlig unverständlich" gleichgesetzt. Mitnichten! Wahren Meister gelingt es, das ungeheuer Komplexe völlig selbstverständlich aussehen zu lassen. So wie Messi, diese schiefen Vergleiche erlaube ich mir jetzt einfach einmal, am Höhenpunkt seines Schaffens den Fußball durch eine augenscheinliche Leichtigkeit, Roger Federer das Rasentennis durch seine Eleganz und Ronnie O’Sullivan das Snooker durch seine rasende Präzision neu definiert haben, so hat Thomas Mann Erzählen und Sprache auf ein Level gehoben, das bis heute unerreicht geblieben ist. Mann selbst betrachtete „seinen Joseph“ als Höhepunkt seines Schaffens – gelesen wird er heute jedoch nur noch selten. Jedem, der mit Literatur im Allgemeinen und Thomas Mann im Besonderen etwas anfangen kann, sei hiermit wärmstens ans Herz gelegt, seinen persönlichen Beitrag zu leisten, dies zu ändern.