Durchweg, das sei vornagestellt, gelingt es Taubmann, konsequent auch Distanz zu wahren (bei aller Wertschätzung Gorbatschows, die aus den Zeilen herausklingt) und damit ein sehr differenziertes Bild dieses Lebens zu erstellen.Dass für Gorbatschows Frau Raissa z.B. die Überlegung, Generalsekretär werden zu können und zu wollen erst im letzten Moment fassbar geworden sein soll (quasi erst am Vorabend der Wahl, direkt nach dem Tod Tschernenkos) ist so eine Stelle im Buch, in der Zweifel des Autors ebenso fassbar werden, wie es für den Leser eher als „Legende“ wirkt, dass dieses Ambitionen Gorbatschows entweder erst „spontan“ geboren wurden oder er sie bis dahin auch vor seiner Frau verborgen haben sollte. Wie auch an vielen anderen Stellen Taubmann durchaus in der Lage ist, offene Fragen im Raum zu belassen und nicht zu glätten oder durch reine Indizienannahmen „erklären“ zu wollen. So kann der Leser durchaus die eigene Fantasie mitspielen lassen und eigene Schlüsse ziehen.Wie aber in vielen anderen Hinsichten auch in dieser akribisch zusammengestellten Biographie, öffnet sich der Blick für Zusammenhänge, die im Lauf der Zeit dem Leser entweder nicht mehr präsent oder schlichtweg hinter andere „Großtaten“ zurückgetreten sind.Dass Tschernobyl eben auch in die Zeit der Führung durch Gorbatschow fiel und eine entscheidende Funktion in der Entwicklung des „Zeitenwenders“ eingenommen hat, dass erschließt sich erst wieder aus der Lektüre des Werkes.Wie der Rückzug aus Afghanistan am Ende „Gorbatschows Sache“ wurde und war, auch wenn hier noch fast alle anderen einflussreichen Politiker der UDSSR mit übereinstimmten.Ebenso, dass zwar die Worte „Glasnost“ und „Perestroika“ von Beginn an wichtig für das Programm Gorbatschows waren, sich die Konkretisierung der Ideen für die Praxis erst im Lauf der ersten Zeit an der Macht ergeben hat.Dass da einer mit offenem Verstand sich entwickelt hat in der konkreten Planung und Umsetzung von Grundsätzen, Idealen und tief verwurzelten Werten hin zu einer tatsächlichen Veränderung der weltpolitischen Lage, die vor Gorbatschow nicht denkbar gewesen wäre. Bei allem wirtschaftlichen Druck, der auch schon vor seiner Zeit als Generalsekretärs im Warschauer Pakt herrschte und der wohl Reformen unumgänglich hat werden lassen.So ist es auch nicht verwunderlich im Rückblick noch einmal ausführlich nachlesen zu können, dass fast von Beginn an Gorbatschow im westlichen Ausland und „beim Volk“ deutlich mehr Anklang gefunden hat, als bei seinen Kollegen im Zentralkomitee oder bei den verbündeten Staatschefs.Dass aber andererseits Gorbatschow fast durchgehend keine kontroverse Haltung offene einnahm gegen eben jene anderen Leitungen verbundener Staaten, auch zuließ, dass bei Neuwahlen (z.B. in Tschechien) linientreue Kader „neu“ die Macht übernahmen, auch das ist aus den vielen internen Protokollen, die Taubmann gesichtet hat, interessant zu lesen.Einer, der andererseits kühl und strategisch geschickt in der UdSSR selbst Gegner, Hardliner, „Reformstörer“ oder in seinen Augen „überkommene Politiker“ aufs Abstellgleis und in den Ruhestand „verschob“. Der sich aber eben nicht selten auch täuschte in angenommenen Loyalitäten und später oft und oft persönlichen „Verrat“ erlebte. Nicht nur, was Jelzin angeht, den er selbst protegiert hatte, bald aber in gegenseitig tiefer Abneigung gegenüberstand,Hierbei gilt, wie für die gesamte Lektüre: Taubman arbeitet sich akribisch durch das Leben und die verschiedenen politischen Perspektiven auf die Person Gorbatschows hindurch. Knapp 15 Seiten Personenregister, die einerseits chronologische Darstellung und die andererseits, je in die Chronologie eingearbeitete verschiedene Sicht nach „Innen“ und nach „außen“, im Verhältnis zu politischen Kräften der UDSSR und des Warschauer Paktes und jenen Politikern der westlichen Welt aufzeigt, ist in er Lektüre auch eine Frage der Geduld des Lesers. Denn es wird teils überaus kleinteilig. Wobei ebenso der eher trockene, sprachliche Stil einer flüssigen Lektüre nicht unbedingt dienlich ist.Eine Geduld aber, die reichlich belohnt wird durch eine umfassende und breite Sicht auf weltgeschichtliche Entwicklungen, die mit der Person Gorbatschows eng verknüpft waren und bleiben, deren Motor Gorbatschow mit wenigen, engen Vertrauten war und die die Welt tatsächlich, zumindest politisch, grundlegend verändert hat. Auch wenn Taubmann ebenso klar die Schwächen aufzeigt. Das Zögern hier und da, die nicht immer klar durchdachten wirtschaftlichen Neuansätze, das sich Täuschen in anderen und in der Lage, die für die eigene Person Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre entstanden ist.Wie dieser Mann in seiner Kindheit und Jugend und durch was geprägt wurde, welche Situationen und Erfahrungen politisch entscheidend für seine Meinungs- und Persönlichkeitsprägung wurden und was eigentlich „nach alldem“ im Leben Gorbatschows noch stattfand, all dies findet der Leser ausführlich, breit und tief zugleich in dieser Biographie. Der bei allem, so Taubmanns Urteil, ein „anständiger Mann war und blieb“. Mit tiefen Überzeugungen und persönlichen Werten, die, bei allem Fleiß, der zudem noch diesen Haltungen an die Seite trat, einen starken Charakter prägte.Stärken, Schwächen, fester Griff und teils zu lasche Vorgehensweise, aktiv vorantreiben, aber auch von den Entwicklungen hier und da sich überrollt vorfinden und damit ein Getriebener werden, eines war und ist dieses Leben auf keinen Fall. Langweilig.Eine sehr zu empfehlende Lektüre.
RezensionOhne Gorbatschow wäre die politische Ordnung der Welt heute eine andere. Sein Tun und Wirken hat also Spuren hinterlassen.Wer ist aber dieser Mann, der den "Kalten Krieg" beendete und den Mut besaß, eine Weltmacht zu offenbaren?In Form einer gelungenen, klassischen Biographie beschreibt der Amerikaner William Taubman den Staatsmann Michail Sergejewitsch Gorbatschow.Beginnend mit den prägenden Einflüssen der Kindheit, als Bauernjunge in einfachsten Verhältnissen lebend, wird der Lebensweg Gorbatschows vom gelehrigen Schüler, zum zielorientierten Studenten der Staatlichen Moskauer Universität bis hin zu seiner letztendlich steilen Karriere als Parteifunktionär nachgezeichnet und eindrucksvoll dargestellt. Ausführlich lernt der Leser Michail Gorbatschow kennen. Als Politiker, als geschickten machtpolitischen Taktiker, der die höchste Stufe der Macht in einem für sowjetische Verhältnisse jungen Alter (mit 54 Jahren) erklommen hat. Man lernt ihn aber auch als Mensch kennen, für den Familie stets eine große Bedeutung hatte, insbesondere seine Ehe mit Raissa Gorbatschowa.Nicht immer einfach zu verstehen sind seine Entscheidungen; Gorbatschow ist eben nicht einfach zu verstehen - so wie bereits zu Beginn der Biographie zum Ausdruck kommt.Die Person Gorbatschow wird charakterisiert, in dem der Autor kommentiert, ihn selbst, aber auch zahlreiche Personen aus seinem Umfeld zu Wort kommen lässt. Freunde und Gegner! So entsteht ein "rundes Bild", das dem Leser hinreichend Spielraum auch für eigene Interpretationen lässt!Gorbatschow hatte eine Herkules-Aufgabe zu bewältigen, die er mutig anging. Er hatte den Mut zu Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit). Er versuchte den Kommunismus, zu dem er sich ausdrücklich bekannte, ein demokratisches Antlitz zu verleihen. Der Untergang der Weltmacht Sowjetunion, der Gang in die Unabhängigkeit bedeutete für viele Staaten der ehemaligen UdSSR den Beginn einer neuen Ära - und das Ende des Kalten Krieges! Nicht zuletzt ermöglichte sein Wirken die deutsche Wiedervereinigung.Somit ist Gorbatschow ein wirklicher Held seiner Zeit. So sehen es zumindest viele Menschen im Westen heute, wenngleich sie ihn damals bei der Lösung der Probleme in seinem Land nicht nachhaltig unterstützt haben.In seiner Heimat wird sein Wirken sehr viel kritischer betrachtet - das vorgelegte Tempo war für Viele zu rasch, zudem scheiterten eine Reihe der angestrebten Reformen und ebneten seinem Gegenspieler Breschnev den Weg zur Macht.Eine endgültige Beurteilung des Wirkens Gorbatschows wird erst in späteren Jahren möglich sein. Noch befindet sich Russland auf dem Weg in eine (moderne) aktuelle Position. Ungeachtet dessen darf man ihn als wahrhaftig großen Staatsmann ansehen. Die vorliegende Biographie leistet einen wichtigen Beitrag zur Würdigung eines herausragenden Lebenswerkes!