Dieses Buch hat mich total in den Bann gezogen, ich konnte es buchstäblich nicht zur Seite legen, obwohl es stellenweise schwer zu ertragen ist. Zur Handlung mit den beiden Strängen sage ich mal nichts, das haben andere hier zur Genüge getan.Das Buch hat mich sehr mitgenommen, besonders natürlich der Handlungsstrang mit den beiden flüchtigen Bekannten der Mutter am See. Man weiß beim Lesen sofort, dass das hier nicht gut enden wird. Zu viele red flags gibt es im Verhalten und in den Äußerungen der Männer, zu offensichtlich kosten sie ihre Machtposition dem Jungen gegenüber aus, zu deutlich ist Mungos Angst vor ihnen und der ganzen Situation. Sie schnürt einem beim Lesen buchstäblich die Kehle zu.Ich habe mehrfach die Ansicht gelesen, dass die Geschichte insgesamt auch ohne diesen Handlungsstrang funktioniert hätte und Stuart seinem Protagonisten und seinen Leser*innen hier unnötig viel Grausamkeit zugemutet hat. Das empfinde ich anders. Ich denke, ohne die schrecklichen Ereignisse am See hätte Mungo sich nie eingestanden, wie egal er seiner Mutter in Wahrheit ist. Sie hatte den Ausflug ja organisiert und darauf bestanden, dass er mitgeht. War sie nicht in der Lage, die Gefahr zu sehen oder reichte ihr Interesse schlicht nicht, um sie sehen zu wollen? Ich denke, es war letzteres - und das spricht Bände.Im Buch gibt es einige schöne Momente voller Zärtlichkeit zwischen Mungo und seiner Mutter. Was er aber nicht sieht oder nicht sehen will, ist, dass es dabei niemals um ihn geht. Es geht immer nur um ihre Bedürfnisse. Sie nutzt seine Fürsorglichkeit aus, wenn sie sie braucht, und verachtet ihn gleichzeitig dafür. Dass seine Mutter ihn nicht liebt und nie lieben wird, ist Mungo zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon bewusst, doch anders als bei seinen Geschwistern hat es ihn bisher nicht daran gehindert, ihr weiterhin seine Zuneigung zu schenken. Erst der Campingausflug macht ihm klar, dass sein Wohlergehen sie nicht einmal peripher interessiert. Und ich denke, diese Erkenntnis braucht er, um sich endgültig von ihr zu lösen.Dass Mungo bereit war, mit diesem Ausflug seine Sicherheit, seine Unversehrtheit und letzten Endes ja auch sein Leben aufs Spiel zu setzen, nur um sie zufrieden zu stellen, ist für mich vielleicht das Deprimierendste an dem ganzen Buch. Sie hat diese Liebe nicht verdient. Und Liebe sollte auch niemanden dazu bringen, sich sehenden Auges in solche Gefahr zu begeben.Ich empfand nur das dramatische Ende dieses Handlungsstrangs als übertrieben, etwas weniger Dramatik hätte der Glaubwürdigkeit der Geschichte an dieser Stelle gut getan. Aber das ist mein einziger Kritikpunkt an dem Buch und es hat den Gesamteindruck für mich nicht geschmälert.Die Liebesgeschichte zwischen Mungo und James ist ruhig, einfühlsam und liebevoll beschrieben. In der Tristesse der Rahmenhandlung wirkt sie in ihrer Zartheit und Unschuld seltsam deplatziert. Man wagt beim Lesen kaum zu atmen, um Mungo diese seltenen glücklichen Augenblicke nicht zu nehmen. Man möchte nicht, dass es aufhört. Aber natürlich weiß man die ganze Zeit, dass es nicht von Dauer sein wird.Das Ende ist offen und kann in verschiedene Richtungen interpretiert werden. Für mich war es zu positiv (und zu überraschend positiv), um es wörtlich zu nehmen. Ich habe mich entschlossen, es mehr als Metapher zu verstehen, dass man selbst die schlimmsten Ereignisse überleben kann, ohne daran zu zerbrechen. Mungo wird im Buch zwar als sanft und naiv beschrieben, aber durchaus auch als widerstandsfähig und zäh. Ich sehe den Schluss als Zeichen dafür, dass er es irgendwann schaffen wird, einen Ort zu finden, an dem er sicher ist und geliebt wird. So endet das Buch, das seinen Leser*innen sehr viel zugemutet hat, für mich durchaus auf einer versöhnlichen Note. Aber das ist Interpretationssache, wie gesagt.
Keine Frage, Douglas Stuart kann schreiben. Das Buch liest sich so leicht und die Personen sind so anschaulich beschrieben, man meint einen Film gesehen zu haben. Einzig die Masse an schrecklichen Ereignissen macht die Geschichte unglaubwürdig. Jede einzelne Scheußlichkeit mag es in Glasgow gegeben haben, aber alles zusammen wirkt, als hätte jemand die schlimmsten Schicksale gesammelt und in eine Familie gepackt. Nichts desto trotz handelt es sich um ein ergreifendes Buch, wobei man nicht weiß, ob die Mutter oder der Bruder mehr Verachtung verdienen.Insgesamt eine interessante Gesellschaftsstudie, die wirklich sehr gut zu lesen ist, auch wenn man starke Nerven braucht.